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Unter den berühmten Köchen besitzt er etwas, das andere kaum haben: Eine echte Story. Sie wirkt sogar angelehnt an einen Roman von Charles Dickens. Aufgewachsen im Kreuzberger Kiez, Hunger, Schläge, gewalttätiger Vater, böse Stiefmutter, Mitglied in einer gefürchteten Jugendgang, den „36 Boys“, dann Aufstieg zum Sternekoch, TV-Auftritte, Autobiographie und schließlich ein eigenes Restaurant, dessen Nimbus kaum mehr mit nationalen Maßstäben gemessen werden kann. Doch Tim Raues Karriere vom Straßenkind zum Superstar wird so gut wie nie in Zusammenhang gebracht mit seinen Gerichten, seiner Art zu kochen, seiner Vorstellung von Genuss. Dabei hängt alles unglaublich eng miteinander zusammen.
Es stimmt schon: Zunächst einmal ist Essen nur Essen und hat sonst kaum weitere Bedeutung. Es gehört nicht zu den Ausdrucksmitteln der Kunst, selbst wenn die sogenannte Modernist Cuisine in diese Richtung zu weisen scheint. Doch in Raues Fall schwingt so viel Geschichte in alarmierender Gegenwärtigkeit mit, dass man bei einem Besuch seines Lokals beim Checkpoint Charlie womöglich mehr auf sie achten sollte als auf die innere Logik der jeweiligen Komposition und den Geschmack als solchen.
Auf den ersten Blick wirkt alles ziemlich asiatisch. Sogar die Einrichtung könnte auch die eines urbanen Bistros sagen wir in Tokio sein. Doch sobald man es recht bedenkt, dass der Meisterkoch (1 Stern im Guide Michelin, 19 von 20 Punkten im Gault Millau) in der Allgegenwart von Frühlingsrolle, Wan Tan-Suppe und Schweinefleisch süßsauer sowie Döner, Köfte und Lamacun und Currywurst aufgewachsen ist, kommt einem seine unübertreffliche grüne Thai-Currysuppe mit exotischen Früchten wie Mango und Ananas, aber auch mit Trauben aus deutscher Lese, kommt einem seine Interpretation der Peking Ente mindestens recht vertraut vor und sehr verständlich. Das gilt auch für das zarte Filet vom Hirschkalb in einer Miso-Glace.
Kreuzberger Melange
Denn in Kreuzberg mischen sich nicht nur die Aromen, die von Einwanderern mitgebracht wurden, sondern sie liegen gleichsam auf der Straße. Tausend Imbissen und Garküchen entströmt ein Duft, den man als Kreuzberger Melange bezeichnen könnte und den Tim Raue Tag für Tag tief eingesogen hat. Woraus ein Kochstil wurde, den es nur in Berlin gibt und allein in seinem Restaurant, sowie eine persönliche Haltung, die früher als existentialistisch bezeichnet worden wäre. Gerade mit seinem (in der Sterneklasse erstaunlich preiswerten) Mittagsmenü, das einer fürs Vorübergehen konzipierten Küche nicht wirklich fern steht, transportiert Raue in höchster Perfektion viel von einem Lebensgefühl, das mit Zutaten aus unterschiedlichen Kulturen, Erzeugnissen einer unbürgerlichen Gegenwelt, vor allem aber auch mit dem Mangel zu improvisieren gewohnt ist. "Ich weiß, was Hunger ist“, heißt sein jüngstes Buch. Kein Zufall.
Thomas Platt, kulturradio