Außenansicht Renger Patzsch; Foto: JGH

Fr 27.01.2012

Geschmackssache

Restaurant "Renger Patzsch"

Bewertung: zwiespältig

Vielleicht kann man der sogenannten Klassischen Moderne vorwerfen, dass sie die Highlights aus der Volksküche immer nur als Ausgangspunkt für Kreationen nimmt, so gut wie nie aber mit ihren Mitteln herstellt. Weil wir aber in einem Land leben, dessen Feinschmecker Hausmannskost selten aus den Augen verlieren, erhalten Restaurants mit "feiner" Rustikalküche reichlich Zulauf und durchaus auch einmal eine Auszeichnung. Eine solche erhielt zuletzt das Schöneberger Renger Patzsch.

Der "Bib Gourmand"
Auf den ersten Blick erscheint der Bib Gourmand im Gault Millau wie ein kleiner Spass der Redaktion. Dazu trägt das ulkige Piktogramm neben dem Restauranteintrag bei sowie die Tatsache, dass diese Hervorhebung in der einschlägigen Presse bislang kaum angemessen kommentiert wurde. Doch das ändert sich gerade. Denn beim Bib Gourmand handelt es sich gewissermassen um den Stern der kleinen Leute, den die Michelin-Tester einem Haus verleihen, das nicht die strengen Kriterien der Hochgastronomie erfüllt, gleichwohl aber ihre Sympathie geniesst. Doch anders als das zauberhafte M Belleville in München rechtfertigt das Renger Patzsch das Zutrauen nur bedingt.

Vorher-Nachher
Förderlich zunächst dürfte der Reputation sein, dass an derselben Adresse bis vor Jahren der Storch residierte, ein vom Szenelokal in bürgerliche Regionen aufgestiegenes Restaurant mit elsässisch beeinflussten Speisen, das zuweilen auch im Michelin-Konkurrenten Gault Millau freundliche Erwähnung fand. Ihm gedenkt man heute noch mit diversen Flammenkuchen, an denen sich dereinst ganze Wohngemeinschaften, Ex-Hausbesetzer und Punkbands delektierten. Mit Prinzipal Volker Hauptvogel besaß das geräumige Lokal zudem eine zentrale Figur, ja sogar ein Berliner Original der Postmoderne, das weit über den Bezirk hinaus bekannt war und im Grunde nicht zu ersetzen ist.

Doch der derzeitige Inhaber Oliver Schupp macht gar keine Anstalten, Vorbilder zu imitieren ­– zumal die Hauptvogelsche Jovialität so manches Mal über schludrig zusammengehauene Storchen-Teller hinwegtrösten musste. Dennoch ist es manchmal gut, den Vergleich mit der Vergangenheit anzubringen, gerade auch dann, wenn die Speiserichtung sich nicht grundlegend geändert hat. Denn was das zwischen Brauereigastätte und elegantem Hinterzimmer mit weiß bezogenen Tischen pendelnde Lokal auszumachen scheint, ist das vom Storch nie befriedigte Bedürfnis nach einer herzhaften Küche, die dem Verkochten und Vulgären aus dem Weg geht.

Tatsächlich bietet das Renger Patzsch die notwendige Trennschärfe – etwa beim mit Speck gewürzten Perlhuhn-Spieß (dem Schaschlik einer neuen Rustikalküche, die keine regionalen Bindungen mehr verrät?) auf akkurat klein gewürfelten Kürbis und Kartoffeln, die allerdings unsinnigerweise der al dente-Mode gehorchen müssen. Auch der Selleriesuppe mit Croutons haftet nichts Gulaschkanonenhaftes an. Dafür ist sie viel zu glatt und sämig, jedoch auch mit zuviel Sahne versetzt und leider auch Salz. Ersteres ist eine konzeptionelle Entscheidung, letzteres eher Zufall. Der Rahm dominiert auch das Sauerkraut unter der Blutwurst. Die erweist sich eher als dehydriert, denn gebacken.

Die kulinarische Kunstlosigkeit setzt sich bei den geschmorten Ochsenbacken in Rotweinsauce mit Speckpflaumen, Rübchen und Kartoffelpüree fort, die in einer fast schwarzen, sowohl leicht fruchtig als auch mit einem Ascheton ausgestatteten Demi glace liegen. Während die Speckpflaumen völlig überdörrt wirken, erinnern die Kohlrabi- und Möhrenstifte sowie der ausgezeichnete Kartoffelbrei daran, dass das Haus den Bib Gourmand erhalten hat.

Fazit
Am Ende wundert es einen nicht, dass die Créme Brûlée (Gebrannte Vanillecreme) wegen ihrer harten Zuckerschicht eher als katalanische Créme anzusprechen wäre und die versprochene Vanille nur dem Allerfeinstschmecker spürbar wird. Die möglicherweise könnten sich dann auch mit Preisen anfreunden, die den Anspruch des Hauses auf gehobene Gastlichkeit recht deutlich unterstreichen. Auch weil die Kellnerschaft des Abends auf ebenso zarte wie deutliche Winke mit blankem Unverständnis sowie einer Nonchalance reagiert, die etwas Einstudiertes hat, geht der Gast dann doch sehr gerne wieder in die Nacht hinaus.
Thomas Platt, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/geschmackssache/2012/renger_patzsch.html

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