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Dass ein Lokal sozusagen noch grün hinter den Ohren ist, kann man zum Beispiel am Brot erkennen. Wenn es wie im Ort, der sich „Lokal“ nennt, noch stark nach Hefe riecht, die Krume noch feucht ist und es vom Typ her irgendwo zwischen Baguette, Ciabatta und Dampfnudel gelagert ist, dann übt die Küche noch , zumindest das Backen. Es gehört ja nicht unbedingt zu den ersten Aufgaben des Kochs, ausgerechnet dem Bäcker Konkurrenz zu machen. Aber man will anders sein im "Lokal" und alles aus einem Guß bieten. Die Einrichtung des Ecklokals, zu dessen Tür ein paar Stufen zwischen Kleiner Hamburger und Linienstraße führen, signalisiert das; sie könnte man als "Industrial Vintage" bezeichnen.
Der grau gelackte Betonboden, auf dem nicht nur die Theke, sondern gut auch Maschinen verankert sein könnten, die groben Holztische, über denen Glaszylinder mit Kohlefadenbirnen ein funzeliges Licht verbreiten, die einfachen Stühle, über deren Lehnen hier und da Tierfelle geworfen sind, als hätte sie die Belegschaft dort vergessen, schlichte Holzhocker und weiß gekalkte Wände verbreiten einen bedeutungsvollen Chic, der das Rohe und Ursprüngliche dem Gelackten und Geputzten vorzieht.
Leider sind auch die Speisen nach diesem Muster geraten. Ungeschlacht wirkt schon der Salat mit Ziegenkäse, Nüssen und Birnenschnitzen, der von einem Himbeeressig aromatisiert wird. Ebenfalls aus großen Blättern recht grob zu recht gerupft liegt der Salat neben einem Cheeseburger, den man als dekonstruiert bezeichnen muss. Denn indem seine Bestandteile, die doch aus einer Hand gegessen werden wollen, um das typische Aroma zu entfalten, über einen ganzen Teller ausbreitet, geht er seines sandwichhaften Zusammenhalts, letztlich seines Sinns verlustig. Die Üppigkeit der Portion gleicht auch beim Schweinsbraten nicht aus, dass die gewaltigen Keile mit Schwarte, die auf dem Teller neben vielen, bis zur Strohigkeit nachgebratenen grünen Bohnen und einem merkwürdig flockigen Polentahaufen liegen, nach vermutlich zu langer Hitzeeinwirkung bereits allzu fest, ja fasrig geworden sind. Die Soße allerdings, ein konzentrierter Fleischsaft, der ohne großen Gewürzeinsatz auf ein im Grunde gut eingekauftes Fleisch abgestimmt wurde, überzeugt auf diesem Teller.
Ebenfalls die Scheibe vom Stör wirkt zu massiv und nimmt gebratenem Spinat und Linsen die Delikatesse. Als eine Art Tempura war das Risotto angelegt. Wobei die Rolle des Reises von gehackten Möhren und Quitten eingenommen wird und Gemüse wie Aubergine, Blumenkohl und Zucchini in Teig gehüllt sind. Diese eigenwillige Interpretation läßt immerhin ein vegetarisches Gericht entstehen, dem es an nichts fehlt. Dem Apfel-Quitten-Crumble zum Abschluß gebricht es aber dann wieder der richtigen Backzeit. Vermutlich, weil aus einem Koch so schnell kein Bäcker wird. Siehe oben...
Thomas Platt, kulturradio