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Chinesisches Restaurant - Feedback

Bewertung:

Vorposten einer ziemlich unverstellten kantonesischen Küche

Weil ja nun zu Jahresbeginn die guten Vorsätze grassieren wie eine besondere Art von Grippe, ist es von Vorteil, ein Heilmittel parat zu haben. Auf dem kulinarischen Gebiet könnte es aus dem Gedanken bestehen, dass man sich dem Unbekannten anvertraut wie einem neuen Tag. Diätische Vorhaben dagegen sind vornehmlich mit der Vergangenheit beschäftigt und aus Reue gestrickt. Der Genuss einer fernen Küche bildet demgegenüber einen prächtigen Auftakt - zumal viele alteingesessene Restaurants es im Moment gerade mit den Siebenschläfern halten.

Kantonesische Küche

Im Feedback herrscht Betrieb. Das Lokal an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln ist nicht nur von der Lage her ein Brückenkopf. Es bildet auch, obwohl der Name es erst einmal nicht nahelegt, den Vorposten einer ziemlich unverstellten kantonesischen Küche. Obwohl sie einst zu den Ausgangspunkten der internationalen Chinarestaurantküche zählte, spiegelt sie in ihren originaleren und originellen Versionen vor allem die Vielgestalt der landwirtschaftlichen Produktion Südchinas und im Besonderen der Region Guangdong, vielleicht darin mehr der Neugier als dem Appetit Nahrung gebend. Außerhalb des Ursprungslandes wiederum gehört die Freude auf das Ungewisse, die Erwartung einer Überraschung zu den Merkmalen einer globalen Szenerie, die sich neuen Eindrücken unvoreingenommen und unbekümmert nähert.

Mehr als bloß vertraut kommt einem das Ambiente vor sowie das Personal. Beides strahlt etwas Unfertiges und allzu Lässiges aus. Auch wenn das außerhalb von Berlin als typisch Kreuzbergerisch bewundert werden dürfte, hofft man im Feedback unwillkürlich, es lediglich mit Anlaufschwierigkeiten eines Lokals zu tun zu haben, das erst knapp ein Jahr existiert. Obendrein gibt das gesellschaftliche Aroma einer ehemaligen Eckkneipe geräumigen, alt Berliner Zuschnitts den chinoisen Einrichtungsbemühungen etwas Vergebliches mit auf den Weg. Dass auf dem Tresen im Eingangsbereich aus dem Plastikkörper eines Wasserkochers ungeniert Tee in gepresstem Glas gebrüht wird anstatt in Porzellankannen, zeugt von einer Unbefangenheit, die erfahrene Gäste indessen nicht goutieren dürften. Berührt wird hier der Bereich der Selbstachtung.

Davon ausdrücklich auszunehmen sind die Speisen selbst. Wie bereits ein kleiner Garnelentoast zu Beginn zeigt, sind sie mit außerordentlicher Akkuratesse gemacht. Der in London so beliebte Snack ist mit gehackten Garnelen und Sesamkörnern überbacken und wird von einem Zitrusdip mit Mandarinennote begleitet. Die dezente Würze eines geschlossenen Geschmacksbildes weist schon auf Jiao Zi, die gedämpften grünen Teigtaschen. Zu Muscheln geformt, enthalten sie in ganz feiner "Auflösung" geräucherten Tofu, Wurzelgemüse, Pilze und Lauch.

Der Dimsum-Mix mit vier verschiedenen chinesischen Maultaschen überschreitet diese milde Anlage nicht, höchstens die ebenfalls in Dampf gegarten Wan-Tans mit Fleischfüllung wirken ein bisschen wie Bratwurst im Schlafrock. Allerdings tritt hier der leicht in Richtung Koben sich bewegende originäre Schweinefleischgeschmack, der bei uns inzwischen fast verpönt scheint, deutlich in den Vordergrund. Einen Widerpart bildet ein mit schwarzem Essig gefülltes Schälchen. Der Inhalt erinnert an Malt Vinegar. Allerdings erweist er sich als weniger aggressiv als der englische Verwandte, nachdem man einen Happen eingetaucht hat.

Säure und Süße

Obwohl das Zusammentreten der Zutaten gut abgerundet wirkt, tritt die Aubergine "Gong Bao" viel dominanter auf. Das liegt zum einen am Schmorcharakter, der erst die Aubergine in vollem Umfang aufschließt (ähnlich, wie es bei der sizilianischen Caponata der Fall ist), zum andern aber auch an Gewürzen wie Ingwer, Soyasauce und Chili sowie dem Zusammenspiel von nicht geringer Säure und Süße, die grundsätzlich zum Stil dieser Küche gehört. Die im Hintergrund verharrenden Aromen von Tamarinde und Frühlingszwiebel geben der Wucht des Gerichts sozusagen eine zweite Richtung. Reis nimmt hierbei die Rolle des Brotkorbs ein. Man kann zu ihm greifen, muss es aber nicht.

Moderate Preise

Bei Little Chick wird die aromatische Dichte dann noch einmal gesteigert. Es handelt sich um überaus zart Würfel vom Hühnerschenkel mit Wasserkastanien, Sellerie und scharfer roter Schote, die den Empfindlichen schon einmal zum Husten reizen kann. Diese Speise macht den Eindruck, als sei sie im Zuge einer langen Entwicklung zu einer letztgültigen Gestalt gelangt. Die Bissqualitäten von elastischem Huhn und der entfernt Rettich oder Radieschen ähnelnden Kastanie halten das Interesse ebenso wach wie die Integration von vorsichtig geröstetem Knoblauch und etwas Erdnussbutter. Am Ende des Mahls ist der Gast dann kaum mehr verwundert, dass das zu moderaten Preisen aufgetragene Menü aus den Händen einer zumindest informierten Feinschmeckern bekannten Gestalt stammt: von Rong Dong Chen, der zuvor im exklusiven China Club des Adlon-Palais kleine Wunder wirkte.

Thomas Platt, kulturradio