Restaurant Jungbluth; © Jungbluth
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Restaurant - Jungbluth

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Felix Leisegang und André Sawahn bekochen ihre Gäste nun schon seit vier Jahren. Dass sie sich keine großen Schnitzer leisten ist bereits viel – andererseits ist’s auch wenig, wenn man bedenkt, dass nicht nur die Kellnerin, sondern auch man selbst sich wünscht, dass man ihre Werke liebt.

Eigentlich hat sich die Höflichkeit aus und für die Begegnung von Menschen entwickelt, die in keiner näheren Beziehung zueinander stehen, vorübergehend aber einen halbwegs vertrauten Umgang pflegen möchten. Weil das Respekt sowie eine gewisse Aufmerksamkeit verlangt, über die nicht jeder verfügt, schwebt diese Umgangsform stets in der Gefahr, in Floskeln zu versanden. Dies trifft für die Gastronomie in besonderer Weise zu. Naturgemäß beschränkt es sich auf den Speiseraum und kennzeichnet den Umgang von Gast und Service. Dass jemand versucht, es auch auf die Küche auszuweiten, dürfte ein Phänomen jüngeren Datums sein.

Tomatenconsommé im Jungbluth; © Jungbluth
Tomatenconsommé im Jungbluth; © Jungbluth | Bild: Jungbluth

Kulinarische Floskeln

Einem jungen Kochduo scheint es nun gelungen, kulinarische Floskeln zu erschaffen. Oder zumindest Arrangements auf dem Teller, die sich zu dem vom Service beim Auftragen stur aufgesagten "Sie werden es lieben!" zureichend fügen. Das ein bisschen trockene Brot zu Beginn duckt sich mitsamt vierer Aufstriche – Olivenpaste, Tomatenbutter, Humus, Quark – unter der Höflichkeitsattacke weg und erreicht vor allem mit dem olivigen Element, was es erreichen soll: Lust auf mehr.

"Mit viel Tomate und Liebe gemacht" sei die kalte klare Tomatenconsommé. Die mit tüchtig Basilikum, Knoblauch, Olivenöl und vielleicht ein paar Gran zu viel Pfeffer – und natürlich von Liebe, allerdings einer eher lauen – akzentuierte Erfrischung aus dem Gemüsebeet bildet den Auftakt des sogenannten Überraschungsmenüs. Dabei handelt es sich um eine Erfindung vom Ende des letzten Jahrhunderts, die in Steglitz jedoch nicht groß vom à-la-carte-Angebot abzuweichen scheint.

Postmodern skulpturiert

Noch besser zum erneuten "Sie werden es lieben!" passt das Snowcrab-Törtchen, das sich postmodern skulpturiert vom Porzellan erhebt. In ihrem routinierten Catering-Stil kommt die harmlose Masse aus Krabbenklein und Quark samt Knusperhippe und Briochescheibe sowie einem Drumherum aus Avocadomousse-Klecksen und Rogenperlen gewiss nicht direkt von Herzen. Eine Angelegenheit im Namen desselben hat die Kellnerin, nun ja: auf dem Herzen: "Sollte Ihnen irgend etwas fehlen, sagen Sie einfach Bescheid, das kriegen wir hin."

Auf den Zander in einer schaumigen Beurre blanc hätte diese Versicherung zugetroffen, wenn er nicht doch ein bißchen zu lange mit der Wärmelampe über der Anrichtetheke geflirtet hätte; diese paar Minuten über die Zeit sind dafür den Spalten der Teltower Rübchen abgezogen worden, was aber nicht für gerechten Ausgleich sorgt, sondern bloß für viel Biss. Ein beinahe wie geräucherter Pak Choi aus der Pfanne und ein buttrig-flutschiges Graupenrisotto wirken dazu, als hätten sie von der Wärme des Herdes nicht genug bekommen können.

Die "das-werden-Sie-lieben-Skala"

Immerhin: Auf der nach oben offenen Das-werden-Sie-lieben-Skala erzielt der Hauptgang einen passablen Wert. Allerdings scheint eine übergreifende und verbindende Idee, die auch noch die frischen Saubohnen und Süßkartoffelchips integriert, offensichtlich weder für Felix Leisegang noch für André Sawahn eine Herzensangelegenheit zu sein. Die beiden Inhaber bekochen die etwas in sich gekehrten Gasträume und die schön umrankte Gehweg-Terrasse nun schon seit vier Jahren. Dass sie sich keine großen Schnitzer leisten ist bereits viel – andererseits ist’s auch wenig, wenn man bedenkt, dass nicht nur die Kellnerin, sondern auch man selbst sich wünscht, dass man ihre Werke liebt.

Thomas Platt, kulturradio  

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