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Restaurant - "Muse"

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Die Britin Caroline Grinsted und der Schwabe Tobias Zeller servieren in ihrem Café-Bistro-Restaurant "Muse" mit Akribie konzipierte und aufmerksam zubereitete Speisen.

Berlin gehört nicht zu den Frühaufstehern der Republik. Zugezogene müssen sich oft erst daran gewöhnen, dass die Stadt erst spät in die Gänge kommt und in den Vormittagsstunden so wirkt, als müsste sie sich erst noch von einem Kater erholen.

Es ist deshalb nichts Besonderes, dass viele Cafés erst um 10 Uhr öffnen und das Frühstück bruchlos ins Mittagessen übergeht. Wie, als wollte man die charakteristische mürrische Stimmung des Berliner Morgens — sie hält oft bis tief in die Nacht an — durch überfallartige Nähe wettmachen, wird gerne einmal umstandslos geduzt oder der Gast auf andere Weise zum Komplizen gemacht und auch sonst auf Distanz nicht viel wert gelegt. Der um diese Zeit beliebte Brunch ist ohnehin eine Übung für den Ellenbogen. Wem dabei ein "Pardon" über die Lippen rutscht, der outet sich als Tourist.

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Viele Speisen sind frühstückshaft

Die Türen des "Muse" werden sogar erst um 12 Uhr aufgeschlossen. Trotzdem kann man viele Speisen dort als frühstückshaft ansehen — allerdings auf ganz andere und zuweilen verblüffende Weise, als das in den sogenannten Szenebezirken (in einem davon liegt das Café-Bistro-Restaurant ja) sonst üblich ist. Immerhin weicht die Einrichtung, wiewohl im Detail sehr liebevoll und sinnreich gestaltet sowie mit eindrucksvoll melancholischen Gemälden versehen, nicht von einem spezifischen Eklektizismus vieler anderer Orte ab, wo Zufall und das enge Budget des Anfangs die Regie übernommen haben.

Allerdings wird den Besuchern von den beiden Gastgebern — die Britin Caroline und der Schwabe Tobias tragen ihre Vornamen mit Stolz, ebenso wie Kanci, der Koch aus Israel — ungewöhnlich viel Raum gewährt. Das ist nicht nur eine freundliche Geste, sondern im Hinblick auf die Speisen auch eine Notwendigkeit. Denn um sie richtig goutieren zu können, bedarf es einiger Fläche.

Brunch wird am Tisch serviert

Im Brunch werden viele Elemente versammelt, die das Programm so vielfältig und international erscheinen lassen. Er wird jedoch wir die à la carte-Speisen am Tisch serviert und ist bis in jede Einzelheit hinein mit Akribie konzipiert und aufmerksam zubereitet, damit fast ein Novum in einer Umgebung, in der Improvisation und Schusseligkeit immer noch als innovativ gelten.

Bereits ein Salat aus Blattsalat, Bete, Brokkoli, Sprossen, Spinat und Quinoa wird so üppig gestaltet und ist so akzentuiert aromatisiert, dass man von Dressing, von triefendem zumal überhaupt nicht zu sprechen wagt. An solchen Punkten zeigt sich die enorme Erfahrung der Inhaber, die zuvor den Thyme Supperclub betrieben.

Ein exorbitantes Petersilienpesto

Perfekt gewürzt, also auch ausgleichend zwischen den einzelnen Zutaten, ist der Teller mit gebratenem Halloumi, Feta, Pilzen, Süßkartoffel und diversen Dips & Relishs aus Avocado, Tomate und Kichererbse (Hummus) sowie einer großartigen Basilikum-Hollandaise und einem gekonnten Pesto, die auch noch die pochierten oder gebratenen Eier benetzen dürfen oder auch bei den Nürnberger Würstchen aus der Traditionsfleischerei Gottschlich in der Prenzlauer Allee den Senf ersetzen könnten. Insgesamt werden pro Tag 18 verschiedene Saucen gerührt. Darunter ein exorbitantes Petersilienpesto, in dem Knoblauch und Oregano rumoren.

Die Burger zählen zur Berliner Spitze

Das English Breakfast mit Corn Fritters, gut angeschärften Maiskornbouletten, in denen Kreuzkümmel die Geschmacksführerschaft übernommen hat, gehört zu jenen Gerichten, die den Übergang zum Abend nahe legen. Noch mehr gilt das für die extrem saftigen und tief aromatischen Burger in einem briocheartigen Brötchen, die zusammen mit den schmalen Pommes frites zur Berliner Spitze zählen — und das ohne jeden Zweifel.

Dazu trägt ganz wesentlich auch ein leicht geräuchertes Tomaten-Relish bei. Noch mehr Abend ist der Tataki Lachs, eine japanische Abwandlung des Carpaccio, das außen kross ist und innen roh bleibt, mit einer Abwandlung der klassischen Zimtschnecke, die hier mit Miso gebacken und zu frischem Fenchelsalat gereicht wird. Eben dieses Gericht, das verschiedene Garmethoden und Zustände zwanglos vereinigt, könnte im Wappen eines bäuerlich-barocken Weltortes stehen, den es wie rein zufällig in die Hauptstadt verschlagen hat — obwohl er auch eine typische Berliner Pflanze ist.

Thomas Platt, kulturradio  

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