Fave dei morti; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Geschmackssache - Allerseelengebäck

Ende Oktober füllen sich die Bäckereien mit kürbisfarbenen Pfannkuchen und Zöpfen.  Allerseelen-Spezialitäten gibt es aber nicht erst seit Halloween. Vor allem in den katholisch geprägten Ländern wird in letzten Oktobertagen eifrig gebacken, und das Kuriose daran ist, dass sich die Gebäckvarianten alle ein bisschen ähneln.

Das betrifft vor allem die Kekse. Sie sind tendenziell weiß und trocken, als müssten sie an Knochen erinnern. Manche heißen auch so: "Ossa dei morti", Totenknochen sind typische Allerseelenkekse in Italien. Manchmal ähneln sie harte Bonbons, wie in Polen "Miodek turecki", oder Zuckerstangen, wie die "Fanfullicche" im Süden Apuliens: Beide Süßigkeiten sind für Kinder gedacht und werden an Friedhöfen verkauft. Besonders typisch für Italien sind flache harte Kekse: die "Fave dei morti", sogenannte Saubohnen der Toten, die in diesen Tagen überall in den Bäckereien Mittel- und Norditaliens zu finden sind.

Bohnen für die Toten

Wie kommt man dazu, Kekse als Bohnen zu bezeichnen? Saubohnen wurden bereits im alten Griechenland bei Beerdigungen gegessen, weil sie den ewigen Lebenszyklus darstellten. Im alten Rom dachte man, in den Saubohnen würden die Seelen der Verstorbenen wohnen; entsprechend aß man Saubohnen-Eintopf, um zum "Parentalia"-Fest am 21. Februar die Toten zu ehren. Später feierte man Allerseelen nicht mehr im Frühling, sondern Anfang November, aber die Sitte, zu diesem Anlass Bohneneintopf zu essen, setzte sich bis in die moderne Zeit fort.

Als später Zucker erschwinglich wurde, sind aus den echten Saubohnen Kekse geworden: meist ganz hart, nur als Mehl, Zucker, Wasser und Anissamen. Es gibt aber auch reichhaltigere und weiche Varianten, in denen geschälte und gemahlene Mandeln dem Teig beigemischt werden. So erhalten die Kekse eine Marzipannote, die mit dem ursprünglichen Geschmack des harten Kekses mit weichem Kern nicht mehr viel gemeinsam hat. Auch wird dem Teig manchmal roter Likör oder Kakao beigegeben, um die Kekes in verschiedenen Farbennuancen herzustellen.

Seelen für jeden Tag

Auch die schwäbischen "Seelen", die mittlerweile auch in Berliner Bäckereien zu finden sind,  hatten früher mit Allerseelen zu tun. Das sind längliche Brötchen aus Weizen- oder Dinkelmehl, bestreut mit Salz und Kümmel. Sie wurden früher gebacken, um die "armen Seelen" zu bewirten: Man hat sie mit Wein auf die Gräber gelegt, oder Kindern, armen Menschen, Mönchen oder Nonnen geschenkt, die sie stellvertretend für die Verstorbenen gegessen haben: "Um der armen Seelen willen", so lautete der Spruch. Im Laufe der Zeit haben sich die schwäbischen Seelen aber als ganz normale Brötchen für den Alltag etabliert.

Unheimliche Besucher

Es gibt in vielen Ländern auch Allerseelen-Brote, die sich sehr ähneln: meist halbsüße Brote, rund oder in Zopfform, manchmal mit Nüssen, trockenen Früchten und Gewürzen: Pan del morto heißt es in Italien, z.B., oder Pan de Muerto in Mexiko. Es war allgemeiner Glauben, dass immer am 2. November die Seelen der Toten vom Fegefeuer zurück zur Erde kamen, um sich kurz von der Qual zu erholen. Da die Vorstellung, dass unruhige Seelen an jeder Ecke herumschweben könnten, etwas unheimlich war, wollte man sie positiv einstimmen und hat man ihnen symbolisch Brote oder andere Speisen und Wein  zur Stärkung angeboten. In Sizilien suchten die Kinder am Tage danach im Haus nach den Süßigkeiten, die die Toten über Nacht angeblich für sie versteckt hatten. In vielen Gegenden Süditaliens gingen die Kinder vom Haus zu Haus und bettelten nach Süßigkeiten oder Nüssen im Namen der "Seelen".

Älter als Halloween

Viele Sitten sind also nicht erst entstanden, nachdem das US-amerikanischen Halloween-Fest nach Europa importiert wurde. Einige der Bräuche, die man mit Halloween verbindet, gab es schon lange in Europa. Die gruselig geschnitzten Kürbisse mit brennender Kerze gab es in Italien schon im frühen Mittelalter, wahrscheinlich von den Galliern eingeführt, die Caesar aus seinen Feldzügen mitbrachte, als Legionäre. So haben sich diese vermutlich keltischen Bräuche in Südeuropa viel früher verbreitet, als in den USA, wohin die irischen Emigranten sie später mitgebracht haben.

Picknick am Grab

Den Toten etwas zu essen anzubieten ist jedenfalls ein Ritual, das früher fast überall und in vielen Formen existierte. Ob auf Altären, wie in Mexiko beim berühmten Fest "Dias de los muertos", oder direkt auf dem Grabstein, als Picknick angerichtet, das anschließend von den Verwandten selbst vertilgt wurde, oder auch zu Hause, auf dem gedeckten Tisch, für die Seelen der Toten, die über Nacht vorbeikommen würden. All diese Bräuche zeugen vor allem von dem Grundgedanken, dem Tod mit etwas zu begegnen, das das Leben - oder das Überleben - schlechthin darstellt, nämlich das Essen.

Elisabetta Gaddoni, kulturradio

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