Kreuz + Kümmel: Currywurst; © Kreuz + Kümmel
Bild: Kreuz + Kümmel

Geschmackssache - "Kreuz und Kümmel"

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Chaitanya Singh sucht nach Wegen, wie deutsche und indische Impulse auf Tellern vereint werden können. Neben einem sehr persönlichen Service erlebt man also eine Küchenrichtung in ihrer Entstehung. Und das hat seinen Reiz.

Wer in Manhattan das "Indian Accent" besucht oder im Genfer Mandarin Oriental Hotel das "Rasoi by Vineet", der wird trotz aller Exzellenz, die indische Restaurants der Spitzenklasse bieten, doch ein wenig verwirrt zurückbleiben von dem, was dort als Beispiele der Küchen eines gewaltigen Subkontinents präsentiert wird. Trotz höchster Anstrengungen der Verfeinerung bleiben die von Gewürzmischungen gelenkten Gerichte hinter dem zurück, was chinesische oder japanische Küchen in vergleichbar hohen Sphären zu bieten haben – und irgendwie besitzt vieles doch etwas Eintopfartiges. Einige Qualitätsstufen darunter geht es dann um einiges pragmatischer zu, um es einmal vorsichtig auszudrücken.

Deutsche und indische Impulse auf Tellern vereint

Hierzulande hat man sich nämlich daran gewöhnt, trügerisch billige Reisberge mit vornehmlich Huhn sowie Lamm, Paneerkäse, Linsen und grellen Currysaucen sowie Papadam-Knäckebrot als das zu nehmen, was sie meistens auch sind: besonders billige Alternativen zur häuslichen Kost und vor allem auch zur Mensa. Dennoch denkt man sich immer wieder, dass es das doch nicht gewesen sein kann.

So ähnlich mag wohl auch Chaitanya Singh empfunden haben, der zwar Inder ist, aber durch diverse Tätigkeiten in gastronomischen Einrichtungen mit der mitteleuropäischen Küche vertraut ist. Nach langen Jahren in Berlin sucht der muntere Mann nun nach Wegen, wie deutsche und indische Impulse auf Tellern vereint werden können. Dass ein Publikum, das solchen Fusionen mit offenen Armen begegnet, womöglich erst noch geboren werden muss, ficht ihn nicht an. Er probierts einfach.

Auf den Tellern wird improvisiert

Auch der Ort erscheint wie auf Probe, ohne deshalb gleich ein Provisorium zu sein. Im Parterre eines im Geiste der Nachhaltigkeit errichteten Neubaus in einer der vielen gleichförmigen Prenzlauer-Allee-Seitenstraße hat Chaitanya quasi seine Zelte aufgeschlagen, unterstützt von einer Floralistin, deren wuchernde Pflanzenpracht dem architektelnden Raumschnitt viel von seiner nackten Materialität nimmt.

Vermutlich passt die zwischen Bistro und modernen Kiezcafé angesiedelte Lokalität am besten zu den Erfindungen ihres Gründers. Denn auch auf den Tellern wird improvisiert – mit guten Ergebnissen wie bei den "Kartoffel Küchlein mit Guacamole und Lotuswurzelchips", den vielleicht etwas zu weichen, aber sehr mild und rund gewürzten Gnocchi mit frittiertem Grünkohl sowie dem fast klassischen Krustenbraten vom Schwein (hier ist die Fleischqualität Ausschlag gebend) mit Marsala-Brioche und Pickles (Hauptgerichte zwischen 6,80 und 18,60 Euro).

Ausdrucksvolle Gerichte, zurückhaltend mit Salz versetzt

Weniger überzeugt "Khitchadi", ein sättigender Mix aus Basmatireis und Butterlinsen, der ins Breiige übergeht. Auch die hauptsächlich aus gebratenem Teig bestehenden Maultaschen mit Hähnchenwürfeln, die mit Kreuzkümmel leicht aromatisiert wurden, wirken trotz fein gearbeiteter Details zusammengewürfelt. Unentschieden steht der Gast dann den in Milch gegarten Lammrippchen gegenüber, die auch eher zufällig, aber nicht unpassend von weichem Fenchel und frittierten Zwiebelfäden begleitet werden. Immerhin sind alle Gerichte ausdrucksvoll, zurückhaltend mit Salz versetzt und nicht — wie so oft in indischen Lokalen — von Gewürzen überfrachtet. Lediglich die frisch gerösteten Nüsse zitieren die narkotische Seite der fernöstlichen Tradition.

Neue Aromenbilder

Letztlich entstehen neue Aromenbilder, die eher etwas weniger von der Begegnung der Kulturen herrühren als vielmehr von der modernen Küchentechnik und natürlich den persönlichen Eingebungen des Chefs, der die Liebe zu seiner neuen Heimat auch in einer manierlichen Currywurst zum Ausdruck bringt. Davon profitieren nicht nur die Malai Curry-Großgarnelen im Bananenblatt, sondern auch die Patisserie — zum Beispiel mit einem vorzüglichen Mango-Käsekuchen. Neben einem sehr persönlichen Service erlebt man eine Küchenrichtung in ihrer Entstehung — ein nicht ganz unwesentlicher Reiz, wenn man bedenkt, wie oft noch unser tägliches Brot direkt aus einer nicht eben glamourösen Vergangenheit zu kommen scheint.

Thomas Platt, kulturradio  

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