Sütterlin - Eine alte deutsche Schrift

Briefe - 100 Jahre alt. Einzelne Buchstaben kann man erkennen, aber der ganze Text bleibt ein Rätsel. "Altdeutsch" nennen einige die Schrift, "Sütterlin" verbessern andere. Wer sie heute lesen will, muss sie sich neu aneignen oder sich erinnern, sofern er sie noch in der Schule gelernt hat. Aber lohnt die Mühe?

Hamburg, Altenzentrum Ansgar. Jede Woche treffen sich die Mitglieder der Hamburger Sütterlinstube zum Arbeiten. Oder besser gesagt, um die Arbeit zu verteilen. In Deutschlands ersten und größten Verein dieser Art kommen täglich Briefe, Mails und Päckchen an mit diversen Anfragen. Manchmal sind es sehr persönliche Briefe, die von der heutigen Generation nicht mehr gelesen werden können, manchmal sind es alte amtliche Dokumente oder ganze Tagebücher. Alle handgeschriebenen Seiten werden in stunden- und manchmal wochenlanger ehrenamtlicher Arbeit in heute lesbare Maschinenschrift übertragen.

Sütterlin

Das Ausgangsmaterial reicht vom Tagebuch in reinstem Sütterlin bis zur "Sauklaue" eines Briefeschreibers, der munter zwischen allerlei Schriftarten wechselt, die manchmal mehr oder oft eher weniger an das erinnern, was zwischen 1915 und 1941 an deutschen Schulen als "Deutsche Schreibschrift" gelehrt wurde und nach dem Krieg bis in die 1970er Jahre an Grundschulen, meist im Rahmen von Schönschreibunterricht, vermittelt wurde.

Feldpostbrief des Gefreiten Max Hentschel (mit freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek Berlin)
Feldpostbrief des Gefreiten Max Hentschel (mit freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek Berlin)

Geschichte von unten

Die Beschäftigung mit diesen alten deutschen Schriften und vor allem mit Sütterlin, der einzigen deutschen Ausgangsschrift, begann für viele mit der Erkenntnis: Ich kann das nicht lesen. Klaus–Dieter Stellmacher hat das Poesie-Album seiner Mutter nicht entziffern können und hat sie deshalb gebeten, ihm einzelne Buchstaben zu zeigen. Denn in der DDR wurde Sütterlin nicht gelehrt. Heute betreibt Klaus–Dieter Stellmacher eine der wenigen Sütterlinstuben in Ostdeutschland - in Cottbus. Sein Interesse an alten Schriften und an den Geschichten, die sie offenbaren, wenn man sie entziffern kann, hat ihn schon sein Leben lang begleitet. Und er beschäftigt sich nicht nur mit den alten Schriften, sondern auch mit möglichst originalgetreuer Schreibkunst. Mehr als 400 Federn und unzählige historische Tintenfässer umfaßt seine Sammlung. Er kann eine alte Schrift also 'auf Originalinstrumenten spielen'.

Klaus-Dieter Stellmacher in Cottbus

Mit einigen anderen Schrift–Kundigen trifft er sich einmal im Monat zum „Historischen Arbeitskreis“. Eines ihrer größten Projekte ist momentan die Aufarbeitung der Geschichte von Peitz. Sie ist in einem Konvolut von mehr als 2000 doppelseitig und handgeschrieben Seiten ausgebreitet und erzählt in zahlreichen Originaldokumenten die Geschichte der Stadt von A wie Abgaben bis T wie Teichordnung. Fast wäre diese einzigartige Chronik von Peitz auf dem Müll gelandet, wenn sich nicht jemand der Dokumente angenommen hätte und sie nun für die private Erforschung dem „Historischen Arbeitskreis“ zur Verfügung stehen würden.
So entsteht über die Beschäftigung mit der Schrift eine Art Heimatgeschichte.

Mitglieder der Hamburger Sütterlin-Stube

"Geschichte von unten" nennt das Peter Hohn, der Chef der Hamburger Sütterlinstuben, und "ungefilterte Geschichtsschreibung".
In der Tat eröffnet die Beschäftigung mit den alten Schriften in Sütterlin oder ihren Vorgängerschriften und wenigen Nachfolgern sehr private Zugänge zu regionaler Geschichte.
Es sind stumme Zeitzeugen, die über die Entzifferung der alten Schriften ihre Geheimnisse preisgeben. Von privaten Liebesschwüren bis zu Anmerkungen zur "großen Politik".

Ästhetik und Verlust

Dass heute generell so wenig Wert auf das Schreiben mit der Hand und das Erlernen auch alter Schriften gelegt wird, bedauert Jutta Weber.  

Jutta Weber 1
Jutta Weber, stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek

Als stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung in der Berliner Staatsbibliothek kann sie viele alte  Schriftzüge lesen und sie hat noch heute Freude an der Vielfalt der handschriftlichen Ausdrucksformen, die in ihren Archiven schlummern: "Wenn wir diese Millionen von Briefen in unserem Archiv hier bewahren, dann deshalb, damit sie gelesen werden. Wenn sie keiner mehr lesen kann, dann verlieren sie einen Wert, den zu verlieren es einfach unglaublich schade ist. Es ist einfach ein ganz großer Kulturverlust".

Jürgen Gressel–Hichert
mit Auszügen und Informationen aus dem Kulturtermin vom 25.2.2015 „Sütterlin – eine alte deutsche Schrift“ von Christiane Timper

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Weiterführende Literatur

Ludwig Sütterlin:
Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht.
Verlag Albrecht-Dürer-Haus, Berlin 1917

Harald Süß:
Deutsche Schreibschrift. Lesen und Schreiben lernen.
Lehrbuch. Knaur Ratgeber Verlag, München 2002

Eugen Osswald:
Bären-Fibel - Erstes Lesebuch für die Kinder Gross-Berlins.
Reprint - Georg Westermann, 5. Auflage 1925 – heute Bildungshaus Schulbuchverlage GmbH, Braunschweig.  Es handelt sich um einen Reprint der Fibel aus dem Verlagsarchiv.

Die deutsche Schrift.
Zeitschrift zur Förderung von Gotisch, Schwabacher und Fraktur, H. 69. (1983) und H. 81 (4/1986), hrsg. v. Bund für deutsche Schrift, Hannover