Berliner Weihnacht a cappella; Montage: rbb
Bild: Carus

CD DER WOCHE | 17. - 23.12.2018 - "Berliner Weihnacht a cappella"

Alle Jahre wieder erscheint zum Dezember hin ein ganzer Stapel neuer Weihnachts-CDs. Eine thematisch und interpretatorisch besonders geglückte Platte des Jahres 2018 stammt vom Vokalensemble "sirventes berlin".

Das vom Chordirigenten Stefan Schuck, einem Schüler des unvergessenen Uwe Gronostay, geleitete Ensemble ist in der Stadt inzwischen eine Institution. Denn seit zehn Jahren lädt es allsamstäglich zum "NoonSong" in die Kirche Am Hohenzollernplatz. In einer nach englischem Vorbild gestalteten Mischung aus Gottesdienst und Konzert präsentiert es dabei dem Kirchenjahr angepasste Lesungen und Gesänge.

Recycling und mehr

Den Höhepunkt jedes Jahres bildet der NoonSong am letzten Samstag im Advent, der besonders umfangreich und feierlich gestaltet wird – die Lesungen tragen hohe Vertreter aus Kirchen und Kultur vor. Bereits vor sieben Jahren hat Schuck etliche Werke, die er für diesen Anlass zusammengetragen hat, mit seinem Ensemble aufgenommen. Eigentlich wollte er sie nur auf eine Privat-CD zum samstäglichen Verkauf pressen.

Doch in diesem Jahr hat er mit sirventes noch einmal ein Dutzend Lieder eingesungen und zusammen mit der Konserve von 2011 bilden diese nun die neue CD des Labels Carus. Würde man es im Booklet nicht erfahren, käme man allerdings nie auf die Idee, dass die Stücke in verschiedenen Jahren und mit unterschiedlichen Sängern aufgenommen wurden, so homogen klingt das Ganze.

Schöpfen aus dem Vollen

Man stellt es sich nicht ganz einfach vor, eine CD mit weihnachtlichen Vertonungen ausschließlich von Komponisten mit Berlin-Bezug zusammenzustellen, zumal wenn darunter noch Neuausgrabungen sein sollen. Doch Stefan Schuck verweist auf den riesigen Schatz derartiger Werke, da im 19./20.Jahrhundert viele Komponisten all ihre Fähigkeiten in Musik dieses Genres gelegt hätten. "Es würde mir leicht fallen, noch fünf weitere CDs 'Berliner Weihnacht' aufzunehmen", betont er. Dank der Kooperation mit Musikverlagen und mit anderen Chorleitern und durch eigene Forschungen ist er auf Lieder und Komponisten gestoßen, die in der Musikwelt bislang überhaupt keine Rolle spielen.

Neuentdeckungen

So wird die CD von der Komposition "Weihnachten" des Breslauers Max Gulbins beendet, der zum Studium nach Berlin kam. In dem berührenden Stück hat er seine Vertonung des Gedichtes "Weihnachten" von Joseph von Eichendorff geschickt mit "Stille Nacht" verwoben.

Auch die "Weihnachtsmotette" von Albert Becker, das eine Vertonung eines Verses aus dem Buch Jesaja mit Martin Luthers "Vom Himmel hoch" verknüpft, oder Sätze von Carl Thiel und Gustav Reichardt waren bislang kaum oder gar nicht auf Schallplatte zu finden.

Chorgeschichte in Tönen

Das Ensemble präsentiert mit seinem CD-Programm eine kleine Berliner Chorgeschichte in Tönen. Wie Stefan Schuck in seinem instruktiven Booklet-Text erläutert, übte das Berliner Chorwesen im 19.Jahrhundert internationalen Einfluss aus. "Die Gründung der Singakademie bzw. der Berliner Liedertafel 1791 und dann die Wiederbelebung des Berliner Domchores und die Restrukturierung der Liturgie und damit auch der Bedarf an Chormusik für die Kirche, sorgten für eine weltweit ausstrahlende Belebung der Chormusik".

Die dafür verantwortlichen Personen komponierten alle auch Weihnachtsgesänge, angefangen bei Gustav Reichardt und Felix Mendelssohn Bartholdy über Becker und Heinrich von Herzogenberg bis zu Beckers Enkel Günter Raphael.

Auch wichtige Komponisten des 20.Jahrhunderts sind mit Hugo Distler und Helmut Barbe repräsentiert, bevor sich der Kreis mit zwei Werken des 1961 geborenen Frank Schwemmer schließt, dessen Komposition "Dies ist der Tag" eine Auftragskomposition für den Advents-NoonSong 2010 war.

Ohne Kitsch und Pathos

Eine Stärke der Aufnahme ist der unprätentiöse Gesangsstil, der auf romantisierendes Pathos und andere Übertreibungen verzichtet und dadurch den Melodien ermöglicht, sich in ihrer schlichten Schönheit zu entfalten. Der Ensemblechef beruft sich bei diesem Ansatz auf die Intention der evangelischen Kirchenmusik-Reformen im 19.Jahrhundert, die eine Hinwendung der Chormusik zum Stil der Alten Meister zum Ziel hatten.

"Die Komponisten haben den Geist des a cappella-Gesanges der Renaissance aufgenommen, verbunden mit einer ausdrucksstarken Text-Deklamation, und dieses dann ganz behutsam mit romantischen Harmonien weiterentwickelt", erklärt Schuck. Die Stücke des katholischen Kirchenmusikers Thiel gingen in dieselbe Richtung.

Plädoyer für den Chorgesang

Nach seinen Wünschen für die Veröffentlichtung befragt, drückt Stefan Schuck vor allem seine Hoffnung aus, die professionelle Chormusik möge mit der neuen CD etwas mehr als Bestandteil der Kultur wahrgenommen werden. Seiner Einschätzung nach wird die Chormusik derzeit im Allgemeinen etwa auf derselben Ebene "wie der Brieftauben-Zuchtverein" gesehen.

Mit der überzeugenden CD "Berliner Weihnacht a cappella" hat "sirventes berlin" zumindest alles getan, um klanglich ein nachdrückliches Plädoyer für das Genre abzugeben. Das aus zwölf Berufs-Sängerinnen und Sängern bestehende Ensemble singt homogen und klangschön und liefert Harmonien, die im Ohr bleiben.

Rainer Baumgärtner, kulturradio