"Florian Noack – Travel Album"; Montage: rbb
Bild: La dolce Volta

CD DER WOCHE | 04.06.–09.06.2018 - Florian Noack – Travel Album

Obwohl er 2015 einen ersten Echo-Klassik-Preis für seine Debüt-CD gewann, gilt der belgische Pianist Florian Noack hierzulande noch als Geheimtipp. Was ihn auszeichnet, ist neben seinem Klavierspiel ein Faible für unbekannte Komponisten und die Begeisterung, Musik selbst zu transkribieren.

Davon zeugt seine aktuelle CD, die er für das Label "La Dolce Volta" aufgenommen hat. Sie trägt den Titel "Travel Album" mit vielen musikalischen Miniaturen von Brahms bis Martucci, von Grieg bis Szymanowski.

Volkstümlich und quirlig ist der Einstieg. Florian Noack hat zwei Stücke des australischen Komponisten Percy Grainger als Auftakt gewählt, der Anfang des letzten Jahrhunderts einige Zeit in Großbritannien lebte, bevor er in die USA auswanderte. Sein Freund Edvard Grieg war es, der ihn auf die Volksmusik aufmerksam machte. Und so ließ sich Grainger für einige seiner Stücke von irischer Volksmusik inspirieren.

Florian Noack hat feine Antennen für die Spannungsbögen und den Charakter dieser Musik. Mal klingt es nach Fiddlermusik, mal nach schlichter Volksmelodie. Er weiß um den Effekt starker dynamischer Kontraste und gestaltet sehr erzählerisch.

Musikalische Reise

"Ich wollte auf dieser CD gerne verschiedene musikalische Sprachen zusammenbringen, sehr originäre Klänge aus hauptsächlich europäischen Ländern. Und diese originären Klänge zeigen sich am deutlichsten in der Volksmusik", erzählt Florian Noack im Interview. "So kam mir die Idee einer musikalischen Reise anhand von Stücken, deren musikalische Sprache besonders typisch für das jeweilige Land ist."

Edvard Grieg hat aus der Beschäftigung mit Volksmusik eine ganz eigene, nordische Sprache entwickelt. Florian Noack hat einige Stücke aus seinen Bauerntänzen op. 72 ausgesucht. "Diese Tänze zeigen eine besondere Seite von Grieg, nämlich bestimmte harmonische Wendungen, bei denen Grieg auch ins Dissonante geht. Und er benutzt sie, um die Volksmusik zu imitieren, wie sie seinerzeit vielleicht dargeboten wurde. Es hat etwas Raues. Also, ganz anders als beispielsweise seine Lyrischen Stücke, die elegante Salonmusik sind."

Die vielen, für Volksmusik typischen Wiederholungen verändert Noack raffiniert in ihrem Ausdruck: Mal hölzern-behäbig, mal verträumt, mal beinahe jazzig. 

Perfekte Balance

Auch Johannes Brahms hat sich zeitlebens mit Volksmusik beschäftigt. Noack hat einige von Brahms‘ Deutsche Volksliedern – im Original für eine Singstimme und Klavier komponiert – für Klavier solo bearbeitet. Er hat wachsame Ohren, man hört es an der perfekten Balance zwischen den einzelnen Stimmen.

"Brahms geht es allerdings nicht ums Imitieren", sagt Noack. "Brahms nimmt vielmehr eine Melodie, transformiert sie in seinen Stil, sodass jedes seiner Stücke immer unverkennbar seine Handschrift trägt."

Reizvoller Wechsel

Und diese weiß Noack auch sehr deutlich herauszustellen: Sein Ton sehr warm und tief berührend, insbesondere nach den quirligen Eröffnungsstücken von Percy Grainger. Der Wechsel von schnelleren und langsameren Stücken, von extrovertierten und introvertierten Klangfarben, von Bekanntem und Unbekanntem macht diese CD so reizvoll.

Rachmaninovs "Chant russe", ebenfalls eine Bearbeitung Noacks, bildet den Übergang zu Musik von Komitas, der oft als Bartók Armeniens bezeichnet wird. Österreichische Folklore, die aus Schuberts Walzern spricht, wird eingerahmt von böhmischer bei Janáček oder von bretonischer, die der Komponist Paul Ladmirault, ein Schüler Gabriel Faurés, in seinen Variationen heraufbeschwört. Der Cubaner Joaquín Nin hat mit seiner "Danza Iberica" ein vom Flamenco inspiriertes Spanienportrait geschaffen.

Persönliche Klangfarbe

Florian Noack reist mit seinem "Travel Album" durch verschiedene Länder, so wie es auch die Komponisten getan haben. Viel Unbekanntes ist ihm dabei begegnet, einige Werke hat er selbst bearbeitet. Das Besondere: Er findet für jeden Komponisten eine andere, sehr persönliche Klangfarbe.

Chantal Nastasi, kulturradio