Genève au Siècle des Lumières; Montage: rbb
Bild: Claves

CD DER WOCHE | 09.04.–15.04.2018 - "Genève au Siècle des Lumières"

Als das große institutionelle Aushängeschild der Alten Musik in der Schweiz gilt die Schola Cantorum in Basel. Eine neue Doppel-CD aus Genf beweist nun, dass es auch dort eine exzellente Nachwuchsarbeit gibt – und vermittelt zugleich eine erhellende Sicht auf die Musikgeschichte der Stadt.

Beim Blick von Deutschland aus zieht das benachbarte Basel mit seinem Forschungs- und Lehrinstitut das ganze Interesse auf sich, wenn es um Schweizerische Alte Musik-Aktivitäten geht. Da übersieht man leicht, dass es auch jenseits der Sprachgrenze im französischen Teil des Landes eine gut funktionierende Abteilung mit dieser Spezialisierung gibt.

Sie wurde 1975 am Genfer Konservatorium gegründet, das 2009 in eine Musikhochschule umgewandelt wurde und seither den Namen Haute Ecole de Musique de Genève (HEM) trägt. Zwanzig Professoren unterrichten dort die unterschiedlichsten historischen Instrumente von der Laute bis zum Barockfagott.

Geglückter Leistungsnachweis

Auf der ersten CD aus Genf sind je zwei Sinfonien von Gaspard Fritz und Friedrich Schwindl zu hören. Das 30 Mitgliedern starke, etwas sperrig Orchestre Baroque de la HEM de Genève benannte Orchester setzt sich bis auf eine Handvoll von Dozenten und Gastmusikern aus älteren Studenten zusammen. Angeleitet wurden sie von der Konzertmeisterin Florence Malgoire, der Tochter des französischen Barockmusikpioniers Jean-Claude Malgoire. Die an den Sturm und Drang-Stil und die Mannheimer Schule erinnernden Werke aus den 1770er Jahren interpretieren sie mit hörbarer Begeisterung und viel Esprit. Ein nennenswerter Unterschied zu professionellen Ensembles ist nicht auszumachen.

Forschungsarbeit

Das ganze ungewöhnliche Aufnahmeprojekt – eine Doppel-CD bestehend aus je einer Scheibe mit Sinfonien und Kammermusik – geht auf eine Initiative von Paolo Corsi zurück. Der 38-jährige Cembalist, Organist und Pianist kam bereits zum Studium aus seiner toskanischen Heimat nach Genf und ist heute Dozent an der HEM. Er interessierte sich für die lokale Musikgeschichte und dabei wollte er sich nicht mit der verbreiteten Mär zufrieden geben, dass es in der Stadt infolge des Calvinismus überhaupt keine Kunstmusik gegeben habe. Unterstützt von der Historikerin Corinne Walker machte er sich auf die Suche nach Werken und Quellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Internationaler Kreuzungspunkt

Sie fanden in der Tat heraus, dass die geistliche Musik bis nach 1750 als einfacher Gesang ohne Orgelbegleitung gepflegt wurde, doch in der weltlichen Sphäre wurden sie fündig. Als zentral gelegener Kreuzungspunkt in Europa lockte die Stadt gut betuchte Gäste aus vielen Ländern an. Entsprechend strömten auch musikalische Einflüsse aus Frankreich, Deutschland, Italien und England an die Rhône, wo sich ein reges Musikleben entfaltete.

Bereits früher als in Paris wurde 1717 beispielsweise eine öffentliche Konzertreihe etabliert, und auch private Salons spielten eine große Rolle. Da es keine hochadeligen oder bischöflichen Dienstherren gab, lebten die Musiker freier als an vielen anderen Orten.

Doppeltes Vergnügen

Dank der Ausgrabungen von Paolo Corsi – fast alle Werke auf den beiden CDs sind Ersteinspielungen – kann man bei der Neuveröffentlichung mit Genfer Musik aus dem Zeitalter der Aufklärung also nicht nur neue Ensembles kennenlernen, sondern auch ein neues Repertoire. Während er auf der Sinfonien-CD Continuo-Cembalo spielt, ist Corsi auf der zweiten CD mit seinem eigenen, vor sieben Jahren gegründeten Ensemble Le Harmoniche Sfere zu hören.

Die Formation hat keine feste Größe und bei dieser Aufnahme tritt sie als Trio auf. Neben Corsi, der ein originales Fortepiano von Johann Andreas Stein aus dem Jahr 1782 spielt, wirken die bulgarische Violinistin Denitsa Kasakova und die niederländische Cellistin Esmé de Vries mit. Die drei kennen sich schon seit Studienzeiten.

Drei repräsentative Komponisten

Die fünf Werke auf der CD stammen von drei Komponisten, die das Genfer Musikleben in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts prägten. Während der Niederländer Friedrich Schwindl dabei nur einen fünfjährigen Abstecher in die Region machte, waren Gaspard Fritz und Nicolas Scherrer gebürtige Genfer. Fritz war Sohn eines eingewanderten Musikers aus Hannover, wirkte als Violinist und Musikpädagoge und gilt als der bedeutendste Komponist der Stadt. Über Scherrer, den Sohn eines Orgelbauers, ist hingegen wenig bekannt, er war offenbar Musiklehrer.

Verschiedene Besetzungsvarianten

Le Harmoniche Sfere lotet in zwei Trios und drei Duos diverse Besetzungsvarianten aus, wobei sich zeigt, dass die Genfer Komponisten stilistisch voll auf der Höhe ihrer Zeit waren. Die historischen Instrumente mit ihrem lieblichen und charaktervollen Klang verleihen der Aufnahme einen heiteren und verspielten Gestus, der wunderbar mit dem satten Sinfonien-Sound der ersten CD harmoniert.

Rainer Baumgärtner, kulturradio