"Georg Philipp Telemann: The Concerti-en-Suite"; Montage: rbb
Bild: Chandos

CD DER WOCHE | 22.05.–27.05.2018 - Georg Philipp Telemann: "The Concerti-en-Suite"

Die Alte Musik-Szene in den USA hat schon seit Jahrzehnten immer wieder exzellente Ensembles hervorgebracht. Die seit 1996 bestehende Formation "Tempesta di Mare" hat auf ihrer neuesten CD erstmals Musik von Telemann aufgenommen.

Georg Philipp Telemann ist in der Geschichtsschreibung als seelenloser "Vielschreiber" verunglimpft worden, aber viele Werke hat er durchaus komponiert – allerdings befinden sich darunter viele hochwertige. Ein amerikanisches Ensemble überzeugt auf einer wahrlich farbigen CD nun mit einem stimmig zusammengestellten Programm um einen bestimmten Suiten-Typ.

Telemanns Musik wirkt häufig sehr effektvoll und kontrastreich. Doch das Cover der neuen CD des etwas umständlich benannten Ensembles "Tempesta di Mare. Philadelphia Baroque Orchestra and Chamber Players" kommt noch plakativer daher als seine Musik.

Abfallprodukt des Telemann-Gedenkjahres

Dieses grelle CD-Cover entspricht in verkleinerter Form dem Poster, mit dem das Ensemble im vergangenen Herbst sein Festival "Telemann 360°" beworben hat. Wohl nirgendwo sonst ist des 250. Todestages von Telemann so vielfältig gedacht worden wie in der geschichtsträchtigen Stadt an der amerikanischen Ostküste. In zahlreichen Veranstaltungen wurde nicht nur der Komponist gewürdigt, sondern auch sein Wirken als Dichter, Herausgeber und leidenschaftlicher Blumenzüchter – mit dem Ziel, Neugierige jenseits des engen Zirkels von Alte Musik-Fans anzulocken.

Pennsylvania-Connection

Der Telemann, der auf dem CD-Cover nach einem historischen Kupferstich abgebildet ist, hält nicht nur ein Notenblatt in der Hand, sondern auch die "Liberty Bell". Die in Philadelphia hängende berühmte Freiheitsglocke, die beim Verlesen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 geläutet wurde, soll eine Brücke vom langjährigen Hamburger Musikdirektor zur Stadt am Delaware River schlagen. Und diese Verbindung galt nicht nur für die Feierlichkeiten 2017, sie ist auch historisch tragfähig. Denn bereits zu Lebzeiten Telemanns wurden in Pennsylvania Kantaten von ihm aufgeführt.

Kluge Programmidee

Zeitgleich mit dem Festival fand im vergangenen Jahr auch eine große wissenschaftliche Telemann-Konferenz in Philadelphia statt, organisiert vom Wissenschaftler und Musiker Steven Zohn. Dieser war es, der die beiden Leiter des seit 1996 bestehenden Ensembles "Tempesta di Mare" auf eine kleine Werkgruppe im großen Œuvre Telemanns aufmerksam machte: seine Konzertsuiten, typische barocke Suiten, die jedoch nicht wie üblich mit einer Ouvertüre im französischen Stil beginnen sondern mit einem Konzertsatz. Die verheirateten Ensemblegründer Gywn Roberts und Richard Stone, Flötistin und Lautenist, griffen die Idee gerne auf – zumal Telemanns drei Konzertsuiten wunderbar auf eine CD passen …

Abwechslungsreich

Und Abwechslung bieten die drei Werke außerdem auch. Bei zweien handelt es sich um groß besetzte Kompositionen – im Barock wurden derartige Stücke als "Concerti con molti strumenti" bezeichnet. Die Suite TWV 54:F1 schreibt neun konzertierende Instrumente vor, entsprechend vielfarbig fällt das Klangbild der siebenteiligen Suite aus.

Ebenso bunt gefächert ist der Sound der Suite TWV 51:F4, doch bei ihr handelt es sich um ein erweitertes Violinkonzert. "Tempesta di Mare"-Konzertmeister Emlyn Ngai tritt hier als Solist auf, wobei es ihm Telemann  in mehreren der sieben Sätze der Suite nicht gestattet, sich übermäßig zu profilieren. Ein besonders Telemann-typischer Satz ist in dieser Suite eine Polacca.

Große Besetzung gegen Kammerkonzert

In den beiden Suiten in F-Dur verlangt schon der Komponist eine beträchtliche Anzahl an Mitwirkenden. Doch auch bei der variabel zu handhabenden Zahl an Streichern und Continuospielern setzen Gywn Roberts und Richard Stone nicht auf Minimalismus, sodass insgesamt mehr als 30 Musikerinnen und Musiker beteiligt sind.

Der großen Klangfülle dieser Werke steht mit Telemanns dritter Konzertsuite, dem vierteiligen "Concerto di camera" g-Moll, TWV 43:g3, ein kammermusikalisches Stück gegenüber. Dieses Quartett für Blockflöte, zwei Violinen und Continuo setzt inmitten der beiden gewichtigen Großwerke einen wunderbar luftigen Kontrapunkt.

Überzeugend realisiert

Die in einem Kammermusiksaal aus den 1970er Jahren im Independence Seaport Museum von Philadelphia aufgenommene CD überzeugt gleichermaßen in Konzept und Realisation. Die amerikanischen Musiker agieren stilsicher und zupackend, sie kosten die schönen Telemannschen Melodiebögen aus und forcieren seine auf eher vordergründige Wirkung bedachten fanfarenartigen Abschnitte.

Rainer Baumgärtner, kulturradio