J. S. Bach: Goldberg Variations © Brilliant Classics
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CD DER WOCHE | 19.03.–24.03.2018 - J. S. Bach: "Goldberg Variations"

Seldom Sene: Der Name als Programm

"Seldom Sene", im Altenglischen bedeutet das "selten gesehen", genau wie neuenglisch "seldom seen". "Seldom Sene" heißt auch ein Werk aus dem 16. Jahrhundert des englischen Komponisten Christopher Tye, und nach diesem Stück wiederum hat sich im Jahr 2009 ein Blockflötenquintett mit Sitz in den Niederlanden benannt. Der Name ist zugleich Programm, denn das Blockflötenquintett macht mit "selten Gesehenem" - oder genauer: mit "selten Gehörtem" auf sich aufmerksam:

Wie zum Beispiel mit der CD, die "Seldom Sene" kürzlich herausgebracht: Bachs Goldberg-Variationen - arrangiert für Blockflötenquintett. 

Wie auf einem einzigen Instrument

Die Aria, die Eingangsarie – auf der CD klingt sie fast wie auf einer Orgel gespielt. So gut harmonieren die fünf Blockflöten miteinander. Wie ein einziges mehrstimmiges Instrument.

Für Stephanie Brandt, eines der Mitglieder von Seldom Sene, gehörte bei der Aufnahme zu den größten Herausforderungen, dass die Goldberg-Variationen eigentlich für nur einen einzigen Spieler geschrieben worden sind:  

"Ein musikalisches Gehirn spielt quasi all diese Variationen und muss alle verschiedenen Stimmen, die darin verwebt sind, ausdrücken. In unserem Blockflöten-Arrangement ist das natürlich anders, weil wir zu fünft sind. Trotzdem müssen wir wie aus einem Guss denken und spielen."

Die Meldoie der Aria: ein Dialog zwischen zwei Personen

Bach hatte die Goldberg-Variationen für Cembalo komponiert. Die Melodie der Aria wird dabei von einer Hand gespielt. Die Flötistinnen haben sich für die Melodie einen besonderen Kniff ausgedacht: sie teilen die führende Stimme auf zwei Flöten auf, die abwechselnd spielen. So erlebt man die Melodie wie einen Dialog zwischen zwei Personen. Wenn man auf der CD gut zuhört, könne man hören, dass jeweils die Klangfarbe leicht wechselt, erzählt Stephanie Brandt.

"Weil der zweite Spieler auf einem anderen Instrument spielt - in der gleichen Tonhöhe und im gleichen Umfang, Aber er spielt auf einem Instrument mit ein ganz klein bisschen anderen Klang-Charakter. Das fanden wir ein schönes musikalisches Extra zu den Goldberg-Variationen, dass man das eigentlich dann noch etwas besser rüberbringen kann, als wenn man nur auf dem Cembalo spielt."

Am Anfang stand ein Festival

Aus fünf jungen Frauen besteht das Flötenquintett Seldom Sene. Sie stammen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Spanien und hatten sich alle in Amsterdam beim Musikstudium kennengelernt. Die Idee zu der CD kam ihnen, nachdem sie im Jahr 2015 an einem Kammermusikfestival im niederländischen Utrecht teilgenommen hatten.

Die "Goldberg-Variationen" waren das Thema des Festivals. Eigens für die Teilnahme hatte eines der Mitglieder von Seldom Sene, nämlich die Spanierin María Martínez Ayerza, einige der Goldberg-Varationen für Blockflötenquintett arrangiert. Das Ergebnis war so überzeugend, dass sie bald darauf alle Variationen adaptierte. Sagt Stephanie Brandt.

"Die schwierigsten Variationen sind die Toccata-Variationen, weil die auch auf dem Cembalo den Handwechsel haben, bei dem die Hände einander kreuzen und die Stimmen extrem schnell springen zwischen Hoch und Tief. Und die sind auch oft sehr virtuos. Die waren schwierig, die haben ja wirklich sehr gut proben müssen und sie sind live auch sehr schwierig auszuführen."

Emotionen in Moll

Stephanie Brandt selbst geht vor allem die fünfzehnte Variation zu Herzen, wenn sie sie spielt.

"
Das ist das Ende des ersten Teils der Goldberg-Variationen und das ist die einzige Variation in Moll bis dahin. Und das finde ich einen ganz tollen Effekt, das abzuschließen in Moll war damals auch bestimmt nicht üblich. Und wir haben das in `ner tiefen Besetzung arrangiert, mit einem großen Bass unten drunter. Ich werde jedesmal ein bisschen emotional, wenn ich das spiele."

Historische Instrumentenstimmung

Insgesamt 23 Flöten verwenden die Flötistinnen für die CD. Jede Variation besetzen sie anders, von Sopran bis Kontrabass sind alle Stimmlagen vertreten. Interessant ist, dass das Ensemble sich für die historische Instrumentenstimmung entschieden hat, die liegt etwa einen Halbton tiefer als die heute übliche Stimmung.

"Wir haben erst mal geguckt, was wir selbst an Instrumenten in dieser Stimmung in unserem Sortiment haben, und da kamen wir eigentlich nicht viel weiter als ein paar Sopranflöten, Altblockflöten, Tenorblockflöten und einen kleinen Bass. Wir brauchten aber auch noch einen großen Bass, einen Doppelbass und einen Subkontrabass. Und die haben wir dann tatsächlich auch noch gefunden - zum Teil gekauft extra für diese Aufnahme, zum Teil geliehen von befreundeten Kollegen. Diese Instrumente hört man wirklich nicht alle Tage, weil es davon nicht so viele gibt auf der Welt."

Goldberg-Variationen: wirklich einmal ganz anders

Seinem Namen und dem Anspruch, selten Gehörtes aufzuführen wird das Blockflötenquintett "Seldom Sene" mit dieser Aufnahme durchaus gerecht.

Diese Goldberg-Variationen sind wirklich anders. Die besonderen Instrumente, die abwechslungsreichen Besetzungen der jeweiligen Variationen, aber auch das souveräne und präzise Spiel der fünf Flötistinnen machen die CD zu einer schönen Ergänzung zu anderen CD-Einspielungen auf dem Klavier.

Antje Bonhage, kulturradio