Jadran Duncumb: Weiss & Hasse - Lute Sonatas; Montage: rbb
Bild: Audax Records

CD DER WOCHE | 09.07. - 15.07.2018 - Jadran Duncumb: Weiss & Hasse – Lute Sonatas

Eine CD mit selten gespielter Musik: Jadran Duncumb spielt Musik von zwei fast vergessenen Komponisten auf einem fast vergessenen Instrument.

Der mehrfach ausgezeichnete englisch-kroatische Lautenist Jadran Duncumb hat ursprünglich Gitarre studiert, bevor er die Laute für sich entdeckte. Besonders angetan hat es ihm die Barocklaute. Die CD mit Lautenwerken der beiden Barock-Komponisten Silvius Leopold Weiss und Johann Adolph Hasse ist sein erstes Solo-Album. Abgesehen vom letzten und vielleicht bekanntesten Werk auf der CD, der Passacaglia von Weiss, gibt es bislang kaum, zum Teil sogar noch gar keine Einspielungen der jeweiligen Werke.

Weiss: Ein hochbezahlter Musiker und Star seiner Zeit

Silvius Weiss war königlicher Kammerlautenist am Hof von August dem Starken in Dresden. Und: in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der bestbezahlten Musiker seiner Zeit. Er war nicht nur ein großer Lautenvirtuose, sondern auch ein begnadeter Komponist für Lautenwerke. Er habe es verstanden, das Instrument in allen seinen Möglichkeiten auszuloten, sagt Jadran Duncumb:

"Wenn man die Werke auf dem Klavier spielen würde, wären sie wahrscheinlich ziemlich langweilig. Weiss hat speziell für Laute komponiert, und er hat es geschafft, die Resonanz, die bei der Laute sehr besonders ist, zum Vorschein zu bringen. Diese Illusion von Polyphonie und Komplexität. Die Farbigkeit. Weiss war ein Genie, aber seine Musik wird wirklich nur auf der Laute lebendig – nicht auf dem Papier, nicht wie bei Bach, dessen Musik immer beeindruckt, ganz egal auf welchem Instrument."

Versteckte Musik im geschriebenen Werk

Die Courante ist der zweite Satz der Lautensonate in d-Moll von Silvius Weiss. Auf dem Papier sieht sie aus wie lauter Arpeggio-Akkorde. Aber beim Hören merke man, wieviel zwischen den Noten passiert, so Jadran Duncumb:

"Einige Töne klingen zum Beispiel länger nach, andere sind ganz kurz, man kann so etwas wie Melodien zwischen den Akkorden erkennen. Ich finde, das ist ein schönes Beispiel für diese versteckte Musik im aufgeschriebenen Werk."

Diese "versteckte Musik" zum Klingen zu bringen, erfordert zuweilen große Fingerfertigkeit – die Jadran Duncumb zweifelsohne beherrscht. Auch im "Allegro", im letzten Satz der Weiss-Sonate, beweist er seine Virtuosität.

Mehr als ruhige Hintergrundmusik

Dieses Rasante, fast wütend Aufgebrachte ist auf der Laute sehr schwer zu spielen. Dass Lautenmusik – nur weil die Laute ein relativ leises Instrument ist – oftmals unterschiedslos für ruhige Hintergrundmusik gehalten wird, zeigt, wie verkannt die Barocklaute heute ist. Findet Jadran Duncumb:

"Wenn ich zum Beispiel ein schwieriges Stück auf der Laute spiele, und dann sagt jemand: 'Ach, ist das wunderbar und entspannend!' Dann denke ich: Mensch, und dabei habe ich mich so abgemüht, es schnell und aufregend zu spielen. Anders als viele glauben, ist Barock-Musik gar nicht nur ruhig und vornehm."

Die Hasse-Sonaten: ursprünglich für Cembalo komponiert

Johann Adolph Hasse: auch er wirkte am königlichen Hof in Sachsen. Er schrieb zahlreiche Werke – für Silvius Weiss als Solist. Seine beiden auf dem Album eingspielten Sonaten hat Hasse ursprünglich für Cembalo komponiert. Ein anonymer Lautenist aus dem 18. Jahrhundert hat die Sonaten für die Barocklaute transkribiert. Von der Sonate in A-Dur "fatta per la Real Delfina die Francia" gab es bisher noch keine Einspielung mit Laute auf CD.

"Man kann hier wirklich einen Unterschied merken zu Weiss, der seine Sonate lediglich zehn Jahre vor Hasse geschrieben hat. Man merkt, dass der Stil sich verändert hat.", erzählt Duncumb.

"Diese Transkriptionen zeigen, dass man sich wegbewegte von der Laute, hin zu Instrumenten, die komplexer und flexibler sind, und auf denen man – vor allem auch in den tiefen Lagen – viel schneller spielen kann. Die Hasse-Sonaten verlangen technisch wirklich das Äußerste dessen, was auf der Laute möglich ist. Die Laute wurde immer obsoleter. Das kann man an diesen Stücke sehen. Der Musikgeschmack änderte sich. Um das zu zeigen, habe ich den Hasse gewählt."

Musik von zwei fast vergessenen Komponisten auf einem fast vergessenen Instrument

Die CD führt auf ihre Weise ein in ein Stück spätbarocke Musikgeschichte. Vor allem aber macht der Interpret Jadran Duncumb die beinahe überraschende Vielfalt der Laute hörbar, ein fast vergessenes Instruments – mit der Musik von zwei fast vergessenen Komponisten.

Antje Bonhage, kulturradio