Johann Sebastian Bach: Violinkonzerte; Montage: rbb
Bild: Harmonia Mundi France

CD DER WOCHE | 18.03. – 24.03.2019 - Johann Sebastian Bach: Violinkonzerte

CDs mit den wenigen Violinkonzerten Johann Sebastian Bachs gibt es eigentlich schon genug. Die Geigerin Isabelle Faust präsentiert auf einem Doppelalbum zusammen mit der Akademie für Alte Musik Berlin nun aber ein ganzes Kaleidoskop Bachscher konzertanter Werke mit Solo-Violine.

Gewöhnlich sind CD-Veröffentlichungen mit diesem Repertoire eher einfallslos zusammengestellt. Die meisten Geiger koppeln die beiden erhaltenen originalen Violinkonzerte des Thomaskantors mit dem Doppelkonzert für zwei Violinen und/oder mit einem der aus seinen Cembalokonzerten rekonstruierbaren Geigenkonzerte. Das ist nicht nur sehr vorhersehbar, sondern auch klanglich eintönig.

Vielfalt

Wesentlich breiter ist der Ansatz, den Isabelle Faust für ihr dennoch "Violin Concertos" überschriebenes CD-Programm gewählt hat. Sie hat sich umgesehen, was es an konzertanten Stücken mit Violinbeteiligung bei Bach gibt und stellt insgesamt sechs Konzerte in den Kontext von vier instrumentalen Kantaten-Einleitungssätzen, zwei bearbeiteten Orgel-Triosonaten sowie einer Ouvertürensuite.

"Ich finde das ein ganz tolles Konzept, weil's sehr aufgelockert ist, verschiedene Farben zeigt und Neuentdeckungen dabei sind", sagt die Oboistin Xenia Löffler, die neben Faust und dem Konzertmeister Bernhard Forck auf dem Album Soloaufgaben übernommen hat.

Entdeckungen

Während die Originalkonzerte sowie die für Violine bzw. Oboe und Violine rekonstruierten Konzerte (BWV 1052, 1056 und 1060) hinlänglich bekannt sind, ist das bei den anderen Werken auf der CD teilweise ganz anders. Die kurze, liebliche Sonate zur Kantate "Himmelskönig, sei willkommen" ist kaum je isoliert zu hören, ganz zu schweigen von der groß besetzten, feierlichen Sinfonia, BWV 1045, die ohne Kantate überliefert ist.

Und auf dem Schallplattenmarkt ist auch die rekonstruierte wahrscheinliche Urfassung der Ouvertüre, BWV 1067, bislang kaum vertreten. In der erhaltenen Version wird die Solorolle hier ja von der Flöte übernommen, und die abschließende "Badinerie" ist eine von Bachs bekanntesten Melodien. Das zu spielen, habe ihr viel Spaß gemacht, sagt Isabelle Faust, "das liegt auch sehr gut auf der Geige – da kommt der sehr virtuose Bach durch".

Abrundung

Was Aufnahmen betrifft, hat Isabelle Faust ihr persönliches Bach-Bild mit dem neuen Doppelalbum vervollständigt. Nachdem sie zunächst die Solowerke für Geige und danach die Sonaten für Cembalo und Violine auf CDs festgehalten hat, stand noch das konzertante Repertoire an. Das haben sie und die Akademie für Alte Musik Berlin während zweier Tourneen in den vergangenen Jahren erarbeitet.

Faust empfindet es als Geschenk, von diesem Spezialensemble dazu eingeladen worden zu sein, denn "normalerweise brauchen hochkarätige Barockensembles keinen außenstehenden Solisten für Bach-Konzerte".

Harmonie

Diese Wertschätzung zahlte die seit langem in Berlin heimische Schwäbin mit Einfühlungsvermögen zurück. "Sie hat uns das Gefühl vermittelt, mit uns gemeinsam diese Reise zu unternehmen, die Musik kennenzulernen und sich mit dem Instrument und der Spielweise, die damit einhergeht, zu beschäftigen", lobt Xenia Löffler. Auf der anderen Seite schwärmt Faust von der Zusammenarbeit mit der "Akamus", einer "verschworenen Gemeinschaft, die sehr menschlich miteinander umgeht".

Instrument

Auf den beiden Fotos des CD-Covers ist Isabelle Faust in einer auffälligen bunten Bluse und mit ihrer "Dornröschen"-Stradivari abgebildet – mit Kinnhalter, der in der historischen Aufführungspraxis verpönt ist. Und in der anderen Hand hält sie einen modernen Bogen. Diese Utensilien hat sie für die Aufnahmen aber aus der Hand gelegt und auf eine andere Leihgabe zurückgegriffen, eine Violine, die der Tiroler Jacobus Stainer gebaut hat. Zuvor hatten Faust und Bernhard Forck lange herumprobiert, um die am besten mit dem Orchesterklang harmonierenden Instrumente zu finden. Die ganz und gar nach barocken Prämissen eingerichtete Stainer-Geige machte schließlich klar das Rennen.

Isabelle Faust; Foto: © Detlev Schneider
© Detlev SchneiderBild: Detlev Schneider

Stil

Auch über die richtige Interpretation haben sich die Beteiligten viele Gedanken gemacht, insbesondere über die Frage der angemessenen Verzierungen. "Meine Noten sehen wild aus", sagt Faust, wegen der vielen Korrekturen und dem Überkleben mit besseren Versionen. Herausgekommen sind am Ende Aufnahmen, die typisch für den Ansatz der Akademie für Alte Musik sind. Es geht immer mit vollem Einsatz zur Sache, mit viel Drive und Überzeugungskraft. An manchen Stellen wirkt das Bedingungslose am Spiel der Musiker, so positiv es generell ist, allerdings ein wenig hektisch und forciert.

Kochkünste

"Natürlich ist die Musik am Ende das wichtigste, aber das leibliche Wohl ist auch nicht zu verachten", stellt Xenia Löffler hinsichtlich der Bemerkung von Isabelle Faust im Booklet fest. Die "hervorragenden Kochkünste" ihrer "Akamus"-Kollegen hätten sie durch die Aufnahme getragen.

Die renommierte Gast-Musikerin des Ensembles hat schon oft im Berliner Teldex-Studio aufgenommen, doch so etwas habe sie noch nie erlebt, erzählt sie amüsiert: "Für jeden Tag gab es einen genauen Plan: Wer kocht was und wer bringt was? Das ist wirklich dann das Highlight des Aufnahmetages: So, jetzt wird Mittag gegessen. Die kochen sehr, sehr lecker und wir haben da bestimmt einige Kilos mit nach Hause genommen."

Rainer Baumgärtner, kulturradio