Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker: Neujahrskonzert 2019; Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 07. - 13.01.2019 - Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker: Neujahrskonzert 2019

Es ist eine jahrzehntelange Tradition: Am 1. Januar wird das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker live in alle Welt übertragen, und nur wenige Tage später erscheint es auf CD. Doch gibt es überhaupt noch gute Gründe, diese CDs immer wieder zu kaufen?

Manchmal schon, zum Beispiel dann, wenn ein neuer Dirigent am Pult steht, der Johann Strauß und Co. auf seine persönliche unnachahmliche Art neu deutet. Wie in diesem Fall Christian Thielemann.

Richard Wagner und Johann Strauß, das scheinen unvereinbare Welten zu sein. Jedenfalls auf den ersten Blick. Manchmal kann der Walzerkönig allerdings recht wagnerianisch tönen. Und tatsächlich bewunderte Wagner Strauß und nannte ihn den musikalischsten Kopf des Jahrhunderts. Strauß-Dynastie und Wagner haben sorgfältig an ihren Klangbildern und raffinierten Orchesterfarben gefeilt. Das wurde selten so deutlich wie dieses Jahr beim Neujahrskonzert, als Wagner-Spezialist Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker stand. Besonders aufregender Orchesterklang stand diesmal im Vordergrund.

Auch in harmonischer Hinsicht haben die Wiener mit Thielemann einiges zu bieten – gleich zwei der großen, für ihre aparte Harmonik berühmten Walzer von Josef Strauß standen auf dem Programm, die schwerblütigen "Transaktionen" und die ätherischen "Sphärenklänge".

Ausgerechnet Thielemann, dessen Wagner- und Richard-Strauss-Interpretationen mitunter etwas effekthascherisch daherkommen, verblüfft hier durch Zurückhaltung und Lockerheit. Denn überraschenderweise orientiert sich Thielemann in Sachen Walzer und Polkas nicht so sehr an seinem Lehrer Herbert von Karajan, sondern am langjährigen Leiter der Neujahrskonzerte, Willi Boskovsky, den Thielemann für einen, wenn nicht den zentralen Wiener Strauß-Dirigenten hält.

Delikate Interpretation der Standards

Wie immer gab es auch einige Erstaufführungen – Werke, die beim Neujahrskonzert noch nie gespielt wurden, zum Beispiel den "Eva-Walzer" von Johann Strauß nach Motiven seiner einzigen Oper "Ritter Pazman". Obwohl ich mich auf diese Premieren jedes Jahr am meisten freue, überzeugten mich diesmal die Standards mehr wegen ihrer delikaten Interpretation. Die feinen Nuancen des "Donauwalzers" so herauszuarbeiten, das sie unverbraucht klingen – das gelingt nur, wenn sich Orchester und Dirigent wirklich gut kennen.

Von der jahrelangen Zusammenarbeit profitierten am 1. Januar beide Seiten: Den Wiener Philharmonikern ist eines der schönsten Neujahrskonzerte seit Jahren gelungen, und Christian Thielemann einer der sympathischsten Auftritte seiner Karriere überhaupt.

Matthias Käther, kulturradio