Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018
Bild: Sony; Montage: rbb

CD DER WOCHE | 08.01. - 14.01.2018 - "Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018"

Berlin, Venedig, Nowosibirsk, Sidney, Tokio – Neujahrskonzerte werden in vielen Städten der Welt veranstaltet. Das berühmteste Neujahrskonzert aber ist und bleibt das der Wiener Philharmoniker.

Dieses Jahr fand es zum 78.Mal statt und wurde von dem Italiener Riccardo Muti dirigiert. 95 Fernseh-Anstalten haben es aus dem prächtig geschmückten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins in die ganze Welt übertragen. Über fünfzig Millionen Zuschauer haben das Konzert gesehen. Nun kann man es auch hören, so oft man will – auf der Doppel-CD mit dem Live-Mitschnitt.

Klang statt Geschepper

Die Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti kennen sich sehr gut. Seit knapp 50 Jahren arbeitet der Italiener regelmäßig mit dem Orchester. Nun hat er das fünfte Mal ein Wiener Neujahrskonzert dirigiert. Im Mittelpunkt stand traditionell die Musik der Strauss-Dynastie. Begonnen hat es mit dem Einzugsmarsch aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauss Sohn. Schon da zeigte sich: Riccardo Muti setzte nicht auf Schmiss mit Geschepper, sondern auf Schwung mit Klang.

Sieben Neujahrskonzert-Premieren

Die geblümte Krawatte von Riccardo Muti passte prima zur üppigen Blumenpracht im Goldenen Saal - und auch zu "Myrthenblüten". Diesen Walzer hatte Johann Strauss Sohn zur Hochzeit von Rudolf, dem Kronprinzen von Österreich-Ungarn, und der belgischen Prinzessin Stephanie geschrieben. "Myrthenblüten" gehört zu den sieben der insgesamt 16 Stücke, die die Wiener dieses Jahr zum ersten Mal in einem Neujahrskonzert gespielt haben. Der Name Alfons Czibulka stand vorher sogar noch nie auf einem der Programme. Dass der Militärkapellmeister Czibulka nicht nur zackige Märsche, sondern auch charmante Salonmusik schreiben konnte, zeigt die Stephanie-Gavotte – entstanden zur Verlobung von Prinzessin Stephanie und Kronprinz Rudolph.

Bezug zum Jubiläum der Nationalbibliothek und zum Dirigenten

Zu den Raritäten im Programm zählte auch ein Walzer von Josef Strauß, dem Bruder des Walzerkönigs Johann Strauss Sohn. "Wiener Fresken" heißt dieser Walzer; damit machten die Musiker auf das 650-jährige Jubiläum der Österreichischen Nationalbibliothek aufmerksam. Die Bibliothek befindet sich ganz in der Nähe vom Wiener Musikverein und ist nicht nur wegen ihrer Papyrus- und Handschriftensammlung, sondern auch wegen ihrer kunstvollen Fresken berühmt.

Wenn ein Italiener am Pult steht, noch dazu ein Verdi-Dirigent erster Güte, dann ist das eine gute Gelegenheit die Quadrille "Un ballo in maschera" ins Programm zu nehmen. Johann Strauss' Sohn hat in ihr Themen der gleichnamigen Verdi-Oper verwendet; und Riccardo Muti ist hier ganz in seinem Element.

Am Pult, aber nicht im Wege stehen

Natürlich waren auch Ohrwürmer zu hören, darunter der berühmte Walzer "Geschichten aus dem Wiener Wald", der Donauwalzer als traditionelle Zugabe und der Radetzky-Marsch als übliches Finalstück. Riccardo Muti hat die Stücke präzise und klangschön interpretiert und dabei ganz auf Scherze oder Show-Effekte verzichtet. Einige Zuschauer, so ist es in Internetkommentaren zu lesen, hätten sich mehr Überschwang gewünscht. Andere waren von der Ausgewogenheit des Klangs vollauf begeistert.

Seinem Motto, dem Orchester beim Musizieren "nicht im Wege zu stehen", ist er treu geblieben. Er meinte sogar im Vorfeld des Konzertes, die Wiener Philharmoniker könnten es eigentlich auch einmal ohne Dirigenten versuchen. Aber ohne Riccardo Muti am Pult wären die Übergänge sicher nicht so ausgefeilt geraten, und die kniffligen Tempo-Wechsel würden nicht so organisch, die Verzögerungen nicht so wohldosiert klingen.

Imke Griebsch, kulturradio