Philipp Heinrich Erlebach: Die Triosonaten © Ricecar
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CD DER WOCHE | 21.01. – 27.01.2019 - Philipp Heinrich Erlebach: Complete Trio Sonatas

Die Kombination der so unterschiedlichen Streichinstrumente Violine und Gambe war in der Kammermusik um 1700 sehr beliebt. Das französische Ensemble L’Achéron hat nun eine besonders einfühlsame Aufnahme der Triosonaten von Philipp Heinrich Erlebach mit dieser Besetzung vorgelegt.

Es sei so ähnlich wie in der Küche, sagt François Joubert-Caillet, begeisterter Hobby-Koch und Gründer des Ensembles L'Achéron. Dort klappe es auch sehr gut, wenn man ganz unterschiedliche Zutaten zusammenbringe. Und in der Barockmusik bedeutet dies: die etwas härter klingende Violine musiziert neben der süßen Viola da gamba. "Das bringt dieser Musik so eine schöne Farbe", findet Joubert-Caillet.

Junges Ensemble

Vor zehn Jahren hat der in Paris geborene und heute in Nancy lebende Joubert-Caillet sein Ensemble gegründet, benannt nach dem Fluss Acheron. Und ähnlich wie dieser in der griechischen Mythologie die Grenze zur Totenwelt bildet, will das Ensemble eine Verbindung herstellen zwischen der Welt längst verstorbener Komponisten und der Gegenwart. Der 36 Jahre alte Ensembleleiter, der mit dem Kontrabass anfing und erst beim Studium an der Schola Cantorum Basiliensis zur Viola da gamba wechselte, tritt auch gerne mit Soloprogrammen auf. L'Achéron hat er zunächst als Gambenconsort gestartet, inzwischen ist es aber auch in Kammerorchestergröße oder – nun erstmals – in Triosonaten-Besetzung mit fünf Musikern zu hören.

Ostfriese in Thüringen

Der 1657 geborene Philipp Heinrich Erlebach ist der bekannteste ostfriesische Komponist der Geschichte. Sein gesamtes Berufsleben verbrachte der Musikersohn allerdings in Thüringen, als Kapellmeister der Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt. Er hat etwa tausend Werke geschaffen, doch die meisten davon wurden bei einem Brand kurz nach seinem Tod zerstört. Neben einigen Abschriften in unterschiedlichen Quellen haben sich wenigstens die drei Sammlungen erhalten, die er hatte drucken lassen.

Stilmischung

Ein Jahr nachdem er einen Band von französischen Ouvertürensuiten herausbrachte, ließ er 1694 in Nürnberg seine "VI Sonate a Violino e Viola da gamba col il suo basso continuo" veröffentlichen. In diesen Kompositionen brachte er Elemente der italienischen und der französischen Musik zusammen – angefangen bei der Kombination der typisch italienischen Violine mit der eher in Frankreich beliebten Bassgambe. Zudem bestehen alle Sonaten aus einer 'Sonata' im italienischen Kirchenstil, gefolgt von vier stilisierten Tanzsätzen à la française: Allemande, Courante, Sarabande und Gigue.

Unterschiede im Gleichartigen

Innerhalb der strukturellen Gleichförmigkeit sorgt Erlebach aber immer wieder für Abwechslung. In der sechsten Sonate etwa fordert er eine besondere Violine, den höher gestimmten Violino piccolo. In zwei weiteren Sonaten verlangt er das Umstimmen der Geige, die so genannte Skordatur. Und während alle anderen Stücke mit einer kurzen, schnellen Gigue enden, setzt er an den Schluss der Nummer 3 eine gewissermaßen um sich selbst kreisende Chaconne.

Besetzungsvarianten

Die vier Musiker, mit denen zusammen François Joubert-Caillet die Sonaten in einer in Weinbergen gelegenen Kapelle in Südfrankreich aufgenommen hat, zählen zum Stamm seines Ensembles. Joubert-Caillets Spiel harmoniert wunderbar mit dem seiner Solo-Partnerin, der Geigerin Marie Rouquié. Seine drei Generalbass-Begleiter und ihre Instrumente, Cembalo bzw. Orgel, Erzlaute und zweite Bassgambe, hat er in den Stücken in allen möglichen Varianten zu zweit oder zu dritt eingesetzt und damit jeder Sonate ein eigenes Gepräge gegeben.

Klanggespür

Insgesamt hat L'Achéron mit der Aufnahme einen Markstein gesetzt. Der Sound der Platte sollte nach dem Wunsch von Joubert-Caillet etwas Poetisches in sich tragen, mit 'douceur' und 'tendresse', mit Süße und Zartheit. Dieses Ziel hat er voll und ganz erreicht. Die Stücke schmeicheln sich ein und umgarnen den Hörer.

Und die dunkle Sanftheit der Musik spiegelt sich auch auf dem CD-Cover wider. Dafür hat Joubert-Caillet, ein Bewunderer der flämischen Barockmalerei, das in Leipzig hängende Gemälde 'Landschaft im Mondschein' von Aert van der Neer ausgewählt.

Typisch barock

Nicht außergewöhnlich ist, dass 'Filippo Henrico Erlebach' den Titel der Sammlung der Mode seiner Zeit gemäß italienisch abfasste. Und auch die Widmung an Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg ist zeittypisch. Dennoch ist es amüsant zu lesen, wie höchst unterwürfig er sie formuliert hat. Er malte darin das Bild einer dankbaren Sonnenblume. Nach deren Art, sich den "gedeihlichen Strahlen der Sonnen" zuzuneigen, wende nun er sich "zu Dero Gnaden-Lichte" und lege "in tiefster Demuth" seine "geringfügigen" Sonaten "vor Dero hohe, ja gleichsam Sonn-erquickende güldne Wohlthats-Strahlen" seiner "Hoch-Fürstlichen Durchlaucht".

Rainer Baumgärtner, kulturradio