"Piotr Anderszewski: Mozart: Klavierkonzerte Nr. 25 und 27"; Montage: rbb
Bild: Warner Classics

CD DER WOCHE | 26.02.–04.03.2018 - Piotr Anderszewski: "Mozart: Klavierkonzerte Nr. 25 und 27"

Erneut wendet sich Piotr Anderszewski in seinem dritten reinen Mozart-Album den Klavierkonzerten zu – jenen Werken, die er wegen der besonderen dialogisierenden Anlage und musikalischen Tiefe besonders schätzt.

Viele Pianisten machen sich erstmals einen Namen, wenn sie einen renommierten Wettbewerb gewinnen. Der polnisch-ungarische Pianist Piotr Anderszewski  hingegen erregte Aufsehen, als er beim Internationalen Klavierwettbewerb im englischen Leeds im Jahr 1990 seinen Vortrag in der Vorschlussrunde plötzlich einfach abbrach und sich so disqualifizierte.

Dabei hatte er realistische Chancen auf den ersten Platz. Doch war er in dem Moment einfach unzufrieden mit seinem Spiel. Piotr Anderszewski war damals gerade einmal 21 Jahre alt. Heute ist er 47, und er ist auch ohne Wettbewerb ein gefragter Pianist geworden. Einen hohen Anspruch an sich selbst hat er sich bewahrt.

Das Klavierkonzert Nr. 25: Wie eine Oper

Selbstbewusst, bestimmt und majestätisch klingen die ersten Orchester-Tutti in Dur zu Beginn. Kurz darauf: ein Wechsel zu Moll – wie ein vager Zweifel, eine vorsichtige Frage.

Der gesamte erste Satz des Klavierkonzerts spielt mit drei Themen und mit den Wechseln zwischen Dur und Moll. Es ist der längste Konzertsatz, den Mozart je geschrieben hat. Er dauert in dieser Aufnahme über eine Viertelstunde. Und er erinnert an eine Opernouvertüre: Verschiedene Charaktere werden eingeführt und treten in einen Dialog miteinander.

Nach fast drei Minuten erscheint die Hauptperson. Gespielt, ja, bei Piotr Anderszewski regelrecht gesungen - vom Klavier.  Sein Spiel ist äußerst präzise, dabei spannungsreich und ausdrucksstark. Die Solokadenz gegen Ende des ersten Satzes klingt bei ihm wie eine Arie. Eine Arie, die die verschiedenen Stimmungen und Themen noch einmal aufwirft, aus neuer Perspektive betrachtet, als wolle sie ein Fazit ziehen.

Mozart: Immer wieder neu

In der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart gibt es immer wieder Neues zu entdecken, so Piotr Anderszewski: "Mozart zu interpretieren – und vor allem seine Klavierkonzerte zu spielen – ist eine Lebensaufgabe. Mozart war zum Beispiel genial darin, ein und denselben Stoff in unterschiedliche Kontexte zu setzen, sodass dieser selbe Stoff auf einmal in ganz neuem Licht erscheint und eine andere Bedeutung bekommt."

Wenn das Finale des Klavierkonzerts auf den ersten Blick langatmig und voller Wiederholungen wirkt, trügt dieser erste Eindruck. Für Anderszewski ist genau das Gegenteil der Fall. "Wenn man einmal den Aufbau verstanden hat, wenn man erkennt, auf welche Weise Mozart zum allerletzten Orchester-Tutti führt, ausgehend von etwas, das nur ein einziges Mal, ganz am Anfang des Stücks auftaucht, dann erscheint einem auf einmal alles klar. Dann ist es, als dringe man zum Wesen von etwas vor. Ich habe lange gebraucht, viele Jahre, bis ich das wirklich verstanden habe, denn es handelt sich hier nicht um eine rationale Analyse."

Das Klavierkonzert Nr. 27: ein lyrisches Werk

Das andere Werk auf der CD ist das Klavierkonzert Nr. 27 in B-Dur. Es war Mozarts letztes Klavierkonzert. Das Stück ist durchzogen von Schwermut, von einer tiefen Melancholie. Alles, was im einen Moment hell und heiter erscheint, ist schon im nächsten Moment voller Traurigkeit. Das Konzert, sagt Piotr Anderszewski, spiele mit diesem Paradox.

"Ich finde, es ist ein sehr besonderes Werk und fällt bei den Klavierkonzerten etwas aus der Reihe. Ich war schon immer verliebt in dieses Stück, seit ich es zum ersten Mal gehört habe, und irgendwie werde ich immer verliebter."

Das Werk ist außerordentlich lyrisch. An vielen Stellen hat es etwas Zartes, Sehnsuchtsvolles, etwas Transzendentes. Bei Mozart, sagt Piotr Anderszewski, ergibt alles einen Sinn: "Ich finde, es gibt nicht so besonders viele Dinge auf der Welt, die wirklich sinnvoll sind. Aber Mozarts Musik ist sinnvoll. Mit Mozart bekommt das Dasein einen Sinn. Er ist der einzige Komponist, bei dem ich das so empfinde."

Piotr Anderszewski: Solist und Dirigent zugleich

Anderszewski ist in der Aufnahme nicht nur der Solopianist, er ist auch der Dirigent. Nur so, findet er, könne er mit größtmöglicher Freiheit und optimal mit dem Orchester kommunizieren.  Mit dem Chamber Orchestra of Europe, einem Kammerorchester auf Projektbasis, dem Musiker aus verschiedenen Ländern Europas angehören, hat er einen passenden Partner zur Seite.

Eine schlüssige Interpretation

Sicher ist Anderszewskis Interpretation nicht die einzig mögliche, aber eine die in sich schlüssig ist und die einmal mehr die Genialität und Komplexität des Komponisten Mozart hörbar macht. Die Aufnahme wirkt wie eine Liebeserklärung an Mozarts Musik.

Und Piotr Anderszewski, der Pianist mit dem hohen Anspruch an sich selbst, freut sich über die CD: "Man kann natürlich alles immer noch besser machen. Man hat für eine Aufnahme ja jedes Mal nur sehr begrenzte Zeit, es ist letztlich ein Wettrennen gegen die Zeit. Ob wir das Rennen gewonnen haben, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall bin ich mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden."

Antje Bonhage, kulturradio