Robert Schumann: Frage © Sony Classical
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CD DER WOCHE | 14. - 20.01.2019 - Robert Schumann: "Frage"

Gut 300 Lieder hat Robert Schumann komponiert und all diese Lieder wollen sie aufnehmen – Christian Gerhaher, zweifellos einer der profiliertesten Liedsänger unserer Tage und sein Klavierbegleiter Gerold Huber. Ein Mammut-Projekt und wahrscheinlich ein wahrer Schatz, der da in den nächsten Jahren entsteht. Die erste CD ist jetzt erschienen.

Nach dem Schumann-Lied "Frage" ist die gesamte CD benannt und das passt zu Christian Gerhaher, der jedes einzelne Schumann-Lied auf's Genaueste "befragt" und zwar danach, wie es sich als Einzelkunstwerk in einen Zyklus einfügt. Ausführlich legt der Sänger seine Gedanken dazu im Begleitheft der CD dar. Gerhaher verehrt Robert Schumann, nennt ihn einen "echten Intellektuellen unter den Komponisten." Und so scheint es ideal, wenn auch ein echter Intellektueller unter den Sängern sich der Schumann -Gesamtaufnahme widmet. Man kann versuchen, Christian Gerhahers geschriebene Analyse nachzuvollziehen – oder man hört einfach. Und lässt sich berühren. Denn so kompliziert der Bariton geschrieben hat - so kunstvoll einfach kann er singen.

Ein neuer erzählerischer Bogen

Der größte Zyklus auf dieser CD sind die "Kerner-Lieder". Im ausführlichen Begleittext zur CD spricht Gerhaher von einem "konzeptionell gewagten Werk". Justinus Kerner hat seine Gedichte im Original nicht als Zyklus gedacht, erzählt Gerhaher. Robert Schumann vertonte sie und stellte sie so zusammen, dass eine neue, ganz eigene Geschichte entsteht. In 12 Liedern berichtet ein Protagonist von Lust & Liebe, Leid und nahendem Tod. 12 Lieder, das wäre – so Gerhaher – eine halbe Winterreise. Aber viel lieber als Schubert singt er: Schumann. Wenn wir uns als Hörer angefasst fühlen durch den Gesang Gerhahers, dann, weil der Bariton eine meisterhafte Technik hat, jede Phrase neu denkt, wirklichen Inhalt transportiert. Um das eigene Gefühl gehe es nicht! Das betont er immer wieder, dass man bitte niemals ein Lied mit eigenem persönlichen Inhalt aufladen dürfe. Und zitiert aber auch seinen Pianisten Gerold Huber, der ihm einmal lakonisch sagte: "Du kannst dich von dem Stück und von der Aufführungssituation noch so oft zu distanzieren versuchen – es muss dann doch einmal durch dich hindurch".

Entdeckungsreisen

Tiefschürfende Gedanken, präzise Arbeit und mit Gerald Huber einen kongenialen Partner am Klavier – beim Hören dieser Schumann-CD kann man sich zurücklehnen. Wer musikwissenschaftliches Interesse verspürt, sucht nach den erzählerischen Bögen der Liederzyklen - Gerhaher spricht von "lyrischer Dramaturgie" - oder hört gar Spitzfindigkeiten heraus, wie etwa den fragenden Dominantseptakkord am Schluss der drei Romanzen und Balladen. Ein Dominantseptakkord klingt niemals nach Schlussakkord, er hängt eher wie ein Fragezeichen in der Luft. Gerhaher leitet daraus eine dramaturgische Idee ab. Tatsächlich könnte man innerhalb dieses kleinen Drei - Lieder - Zyklus das klangliche Fragezeichen tatsächlich rückwärts deuten. Vielleicht steht es für Ironie? Zitiert doch Schumann im kurz vorangegangenen Soldatenliedchen mal eben die französische Nationalhymne ...

Ob die Lieder nun zyklisch verwoben sind oder alleinstehend wirken - Christian Gerhaher wünscht sich, dass man beim Hören intensive nach Bedeutung sucht. Die Musik könne tatsächlich zu einem existentiellen Erlebnis werden.

Ulrike Jährling, kulturradio