Schumann: Sinfonien Nr. 1 – 4 © SFS
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CD DER WOCHE | 27.11. - 03.12.2017 - Schumann: Sinfonien Nr. 1 – 4

Selten hört man Schumanns Sinfonien in so vielen Farben wie in dieser Aufnahme des San Francisco Symphony.

Das San Francisco Symphony ist eines der großen Sinfonieorchester der USA und feiert mit klassischen Konzerten, Uraufführungen und außergewöhnlichen Konzertformaten Erfolge. In Europa hat sich das Orchester vor allem mit herausragenden CD-Aufnahmen einen Namen gemacht. Seit 1994 ist Michael Tilson Thomas der musikalische Chef. Unter seiner Leitung ist nun ein Zyklus der Sinfonien von Robert Schumann auf einer Doppel-CD erschienen, live aufgenommen in der Davies Symphony Hall in San Francisco in der Saison 2015/2016.

Schwieriger Orchesterstoff

Die Sinfonien von Robert Schumann sind unter Fachleuten umstritten. Spätestens seit Gustav Mahler kräftig Hand anlegt hat und die Sinfonien quasi umorchestriert hat, ist Robert Schumann als Sinfoniker immer wieder in Frage gestellt worden. Zu dick, zu unklar, zu mulmig sei die Instrumentierung. In den letzten Jahren haben sich einige Dirigenten darum bemüht, Schumanns umstrittenen Ruf wieder gerade zu rücken. Für ein klareres Klangbild wählten sie anstelle der großen Sinfonieorchester schlanke, flexible Kammerorchester.

Two in one – das SFS als Kammer- und Sinfonieorchester

Nun wagt sich Michael Tilson Thomas mit dem großen San Francisco Symphony an dieses heikle Repertoire und hat einen ganz eigenen Zugang zur Interpretation gefunden. Aus seiner Sicht sind die Sinfonien ein Abbild von Schumanns breiter Schaffenspalette aus Klavier-und Kammermusik, Lied und Orchesterwerken. Um Schumanns Vielseitigkeit gerecht zu werden, passt Michael Tilson Thomas die Zahl der spielenden Orchestermusiker der musikalischen Situation an und lässt das Orchester mal tutti spielen, mal in Kammerbesetzung oder sogar solistisch. Damit nutzt er die Möglichkeiten eines Kammerorchesters ebenso wie die des großen Sinfonieorchesters. Es sei schließlich ein Unterschied, betont Michael Tilson Thomas, ob man 18 Musiker in kammermusikalischer Besetzung spielen hört, oder 80 Musiker, die leise spielen.

Breitwand oder Nahaufnahme

Inspiration dafür bekam der langjährige Chef des San Francisco Symphony auch vom Kino. Die große Orchesterbesetzung sei vergleichbar mit einem Breitwandformat, die intimere Kammermusik dagegen mit einer Nahaufnahme.

Der Effekt ist enorm. Selten hört man Schumanns Sinfonien in so vielen Farben. Das, was viele der zuletzt erschienenen Aufnahmen mit Kammerorchestern erreichen, - nämlich eine vitale, flexible, transparent klingende Interpretation – gelingt auf diesem Album mit der variablen Spielweise des großen San Francisco Symphony. Im Tutti beeindruckt das Orchester wieder mal mit seinem brillanten und zugleich warmen satten Klang. Daneben erscheinen die kammermusikalischen und solistischen Passagen besonders zart und berührend.

Beeindruckende Leistung

Dass die Aufnahmen zu der Doppel-CD live entstanden sind, macht diese neue Gesamtaufnahme der Schumann Sinfonien noch reizvoller. Denn in einem Konzert so präzise zu spielen und jedes Detail so punktgenau herauszuarbeiten, zeugt von großer Kunst. Der klingende Beweis, dass Robert Schumann ein begnadeter Sinfoniker war.

Sarah Seidl, kulturradio