"Sergei Lyapunov: Transcendentale Etudes 1-12"; Montage: rbb
Bild: Mirare

CD DER WOCHE | 11.06.–17.06.2018 - Sergej Ljapunow: Transcendentale Études 1-12

Die japanische Pianistin Etsuko Hirose hat die halsbrecherischen Etüden von Sergej Ljapunow eingespielt und ein Werk voller Poesie entdeckt.

12 Études d’exécution transcendante, unter diesem komplizierten Titel, der so viel heißt wie "Zwölf Etüden von transzendenter Ausführung", ist ein Klavierzyklus von Franz Liszt bekannt, der es technisch in sich hat. Dass es unter diesem Titel noch einen zweiten um einiges anspruchsvolleren Zyklus gibt, ist weniger bekannt. Er stammt von dem russischen Komponisten Sergej Ljapunow, einem heißen Verehrer von Franz Liszt.

Eine Entdeckung voller Poesie

Es war auf Konzertreise durch Belgien. Nach einem Auftritt wird die Pianistin Etsuko Hirose von einem Klavierliebhaber angesprochen: Er habe da etwas Interessantes für sie, das wunderbar zu ihrer Art Klavier zu spielen passe – die 12 Études d’exécution transcendante von Sergej Ljapunow. Der Blick in die Noten zeigt, dass dieser Klavierzyklus es in sich hat. Wegen anderer Projekte lässt Etsuko Hirose die Noten ein Jahr lang liegen. Doch dann die Entdeckung: ein poetisches Werk mit zwölf Geschichten, zwölf Stimmungen.  

"Es geht immer um Schönheit … Viele Komponisten wie Chopin, Liszt, Debussy, Rachmaninow, Skrijabin haben kunstvolle Etüden geschrieben. Aber bei Lyapunov, würde ich sagen, sind es keine Etüden – es ist Poesie."

Ein Showstück von Ferruccio Busoni und Vladimir Horowitz

Etsuko Hirose ist fasziniert von der Schönheit der zwölf Etüden von Sergej Ljapunow. Der russische Komponist und brillante Pianist hat sie 1905 vollendet und seinem Idol Franz Liszt gewidmet. Von dem Vorbild überschattet war den 12 Études d’exécution transcendante von Sergej Ljapunow kein nachhaltiger Erfolg beschieden – und das, obwohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Pianisten wie Ferruccio Busoni oder Vladimir Horowitz das Werk gern und oft als Showstück aufführten. Gerade einmal drei, vier Aufnahmen gab es, bis sich Etsuko Hirose – unbeeindruckt von den enormen technischen Herausforderungen des Werks – zu einer weiteren entschlossen hat.

"Es fällt mir in die Hände. Natürlich ist es sehr schwierig. Ich glaube, in diesen Etüden gibt es mehr Noten als in denen von Liszt. Aber ich fühle mich getragen von der Musik und fühle keine Schwierigkeit."

Atemberaubende Virtuosität

Bei so rasanten Etüden wie "Tempête" stürmt auch Etsuko Hirose los und nimmt die gesamte Klaviertastatur in Beschlag. Man hält den Atem an bei der verblüffenden Virtuosität, mit der die Pianistin die Fülle an Noten bewältigt. Etsuko Hirose weiß, was sie sich zutrauen kann, und beweist ein sicheres Gespür für die verschiedenen Stimmungen der zwölf Charakterstücke. Die erste Etüde, "Berceuse", spielt Etsuko Hirose liebevoll und anmutig und lässt es in der hohen Lage geheimnisvoll glitzern. Man hört ihrem Spiel an, wie sehr ihr die Musik gefällt.

"Die Etüden sind so unterschiedlich. In "Berceuse" hört man das Kind, wie es einschläft. Alles ist sanft, mit einer Verzierung, die an Chopin erinnert. Jede Etüde trägt einen Titel. Deshalb ist es auch für die Hörer einfach, sich Dinge vorzustellen und in eine ganz eigene Welt einzutauchen."

Russische Lebenswelt

"Geistertanz", "Sommernacht", "Idylle" heißen die Etüden. Oder "Terek", wie der mächtige Fluss, der im Kaukasus entspringt. Sergej Ljapunow hat sich für die Musik seiner russischen Heimat interessiert und mehrere hundert Volkslieder gesammelt. Traditionelle Musik klingt auch in seinen zwölf Etüden an. "Carillon" wirkt wie ein imposantes Glockenspiel, das den feierlichen Gesang einer orthodoxen Liturgie begleitet.

"In 'Carillon' hört man die russische Kirche mit ihren riesigen Glocken und kleinen Glöckchen. Das klingt sehr vielseitig und farbig. Diese vielen inspirierenden Ideen beleben die Musik und beschenken uns mit Schönheit. Das liebe ich an Ljapunow."

Jede Etüde – eine Geschichte. Etsuko Hirose malt Bilder zu den Geschichten und lässt die Hände auf den Klaviertasten erzählen. Das gelingt ihr mit Virtuosität, einer makellosen Technik und dem Gespür fürs Atmosphärische, für die Botschaft hinter dem Text. Die japanische Pianistin, die die russische Literatur liebt, ist von der russischen Lebenswelt in Ljapunows Etüden berührt.

Sensibel sein für sich und die Welt

"Für einen Künstler ist es wichtig, berührt zu sein, zu fühlen und diese Gefühle in die Musik zu übertragen. Ich habe deshalb immer darauf geachtet, sensible zu bleiben und aufmerksam zu sein für meine Gefühle, für dir Kultur, für alle Formen von Kunst, die Malerei, die Literatur."

Neugierig und sensible – Etsuko Hirose hat mit den 12 Études d’exécution transcendante von Sergej Ljapunow einen fast vergessenen Schatz gehoben.

Sarah Seidl, kulturradio