Cover "Night Music"
Bild: dhm

CD DER WOCHE | 15.04. - 21.04.2019 - Dorothee Oberlinger: "Night Music"

Dorothee Oberlinger hat der Blockflöte zu einem neuen, besseren Ruf verholfen. Am liebsten arbeitet sie mit dem Ensemble "Sonatori de la gioiosa Marca" zusammen – und in dieser Kombination hat sie auch ihr neues Album aufgenommen: "Night Music" – Nacht Musik. 

Ganz in Schwarz ist das Album gehüllt. Schemenhaft - in dunklem Grau - tritt Dorothee Oberlinger hervor auf ihrem Album "Nigth Music".

Ein Kaleidoskop der europäischen Nachtmusik

Es enthält Musik aus der Barockzeit, aber nicht nur, auch ganz archaische Musik ist dabei.

"Es beginnt mit einem Prolog der sephardischen Juden - mit einem Wiegenlied "Nani Nani". Und dann sind wir direkt in der barocken Welt. Das "Skelett" wird durch die Concerti Antonio Vivaldis gebildet. Das Fleisch komm dann durch viele kleine Prologe, Brücken, Vorspiele, Nachspiele zwischen diesen Konzerten."

Mal sinnlich, mal aufregend ist die Musik. Weil Oberlinger ihr Instrument so souverän beherrscht, kann sie Vivaldis Konzerte mit unglaublicher Leichtigkeit nehmen, zum Beispiel das C-Moll-Konzert.

Vivaldis Nachtkrimi

Es gehört zum Virtuosestem, was Vivaldi für Blockflöte komponiert hat. Und natürlich darf Vivaldis "La notte" – die Nacht – nicht auf einem solchen Album fehlen. Für Dorothee Oberlinger ein richtiger Nachtkrimi.

"Wir haben es hier mit dem pochenden Herzen zu tun, in so einer Art Prolog. Hier weiß man noch nicht, was passiert. Aber man ist sofort in eine mysteriöse Atmosphäre hineingezogen. Und schon kommen die Gespenster angeschwirrt durch die Luft."

Und weiter erzählt Oberlinger die Geschichte, dass der Held in einen Schlaf verfalle. "Und dann kommen aber sofort die Gespenster wieder. Und das Ende ist offen. Wir wissen also nicht, wie der Ausgang ist und das macht die Sache so spannend."

Auch einen "falschen" Vivaldi hat Oberlinger ausgewählt: ein Konzert des Franzosen Nicolas de Chedeville. Der hat unter dem Namen seines Idols ein pastorales Konzert herausgegeben. Ein absoluter Virtuosen-Gig. Bemerkenswert auch Bibers "Nachwächtergesang".

Jedes Werk hat seine eigene Geschichte

Das Programm des Albums ist gut recherchiert und die Mischung mit Musik aus Renaissance, Barock bis zum 20. Jahrhundert ist im wahrsten Sinne des Wortes "komponiert" - abwechslungsreich und harmonisch verkettet und verwoben.

Im Booklet schreibt Oberlinger die Geschichten um die Werke. Zum Beispiel um das Nachtigallenstück des Niederländers Jacob van Eyck, gefunden in einer großen Flötensammlung "Der Lustgarten der Flöte". Oberlinger erläutert: "Das ist die größte Sammlung aus dieser Zeit für ein Blasinstrument überhaupt. Er war blind, daher wurde ihm das abgelauscht. Er konnte es ja selbst nicht aufschreiben. Er hat vor dem Dom zu Utrecht improvisiert über Melodien, die er so aufgeschnappt hat." So wurde sein Nachtigallenlied notiert.

Qual der Wahl

Auch die Wahl der Flöten zeigt Liebe zum Detail - bei jedem einzelnen Stück. Oberlinger besitzt eine Sammlung von über 100 Instrumenten. Jedes habe einen eigenen Charakter.
"Es gibt welche, die dunkel und rauchig klingen. Es gibt welche, die hell und brillant klingen. Es gibt welche, die naiv und unschuldig klingen. Von großer Flöte bis zur Kleinen. Ich habe immer einen bestimmten Charakter ausgewählt."

Von wegen – Blockflötistinnen hätten kein Gepäck: Für die Aufnahmen reiste Dorothee Oberlinger mit 30 Flöten in die kleine Kirche "San Vigilio" im Veneto. Die "Sonatori de la Gioiosa marca" kamen aus Venedig dazu. Alte-Musik-Profis der Spitzenklasse – schon lange arbeiten sie zusammen, in Konzerten oder für Aufnahmen in dieser mittelalterlichen Kirche.

Nachtsession im Weinberg

"Da muss man natürlich aufpassen, wenn dann ein Regenguss kommt und das knallt auf das Dach der Kirche oder die Winzer holen ihre Trauben nach Hause am Abend, dann ist es immer etwas problematisch mit dem Aufnehmen. Wenn das aber alles nicht der Fall ist, dann ist die Kirche einfach abgeschottet und still, weil sie wirklich allein in diesem Weinberg liegt und eine ganz besondere Atmosphäre hat. Ja, das inspiriert uns. Wir nehmen auch oft nachts auf, und dann ist man schon in der Stimmung."

Das Album endet mit einer Überraschung im 20. Jh. "Round Midnight": ein Jazzstandart mit einem Schuss Monteverdi. Auf die Nacht voller Überraschungen folgt ein Tag, der erst recht Neues bringt.

Cornelia de Reese, kulturradio