Galatea Quartet: Tango © Sony Classical
Bild: Sony Classical

CD DER WOCHE | 05. - 11.11.2018 - "Tango"

Argentinischen Tango für Streichquartett zu bearbeiten, den leidenschaftlichen Tanz in Kammermusik zu verwandeln – auf diese schöne Idee hätte man schon früher kommen können. Mit dem Galatea Quartett hat sich nun ein Ensemble aus der Schweiz in dieses musikalische Abenteuer gestürzt.

"La llamo silbando" - Ich pfeif’ Dir was! - so in etwa kann man den Titel eines Tangos in der ersten Hälfte dieses Albums übersetzen. Dieses Pfeifen ist  tatsächlich zu hören –  imitiert auf den hohen Saiten der beiden Geiger des Ensembles. Ein Beispiel für den fantasievollen Umgang des Quartetts mit den originalen Texten und Titeln der Tangos.

Arrangements

Die meisten stammen aus den 1920er und 30er Jahren und werden in Buenos Aires bis heute mit Bandoneon- oder Klavierbegleitung vorgetragen. Die besonderen Arrangements dieser Tango-Klassiker hat das Schweizer Streichquartett bei renommierten Tangomusikern in Auftrag gegeben, unter anderem beim argentinischen Pianisten Juan Pablo Galliardo. "Er ist ein wunderbare Musiker" schwärmt der Cellist des Ensembles, Julien Kilchenmann, "wir haben ihn mehrmals getroffen, er ist einfach ein Super-Tangospieler!

Spieltechniken

Für das Album hat das Galatea Quartett viele neue Spieltechniken ausprobiert, erzählt Kilchenmann. "Unsere klassische Technik, die wir für Hadyn, Beethoven oder Schostakowitsch benutzen, passt da nicht immer so gut. Beim Cello zum Beispiel muss man sehr rhythmisch spielen, mit sehr wenig Bogen. Oft macht man dieses "Arrastre", so ein Knurren, und das gibt dann diesen Tango-Rhythmus, den man so gut kennt. Und beim Melodischen, da gibt man alles was man hat, Klang und Schnulz und so weiter, das andere ist scharf und perkussiv."

Familienangelegenheit

Mit  wunderbarem "Klang und Schnulz" entsteht auf dem  Album temperamentvolle Kammermusik, deren Herkunft aus dem argentinischen Tanz durchgängig hörbar ist. Julien Kilchenmann wurde 1979 in der französischen Schweiz geboren – ein Land, das nicht unbedingt für leidenschaftliche Tänze bekannt ist. Die Idee für das Album hatte der Cellist deshalb auch nicht in Zürich oder Fribourg, sondern während einer Tournee durch Argentinien. Dort, in Buenos Aires, hat Kilchenmann vor einigen Jahren auch seine Frau Carla kennengelernt. Ihr Großvater war ein bekannter Tango-Sänger.

Galatea Quartett: Tango © J. Kilchenmann
Bild: J. Kilchenmann

Gesang

Im Quartett übernehmen die beiden Geigen den "Gesang". Eine davon spielt Juliens jüngere Schwester Sarah.  Die beiden Geschwister haben  2005 das Quartett gegründet. In den folgenden Jahren hat sich das Ensemble in Meisterkursen weitergebildet, unter anderem auch beim Artemis-Quartett. So wie dieses Ensemble, das an der Berliner Universität der Künste lehrt,  spielen auch die Musiker aus der Schweiz im Stehen und lassen sich die Tangos dabei auch gern "in die Beine fahren". "Man ist ein bisschen freier, man hat ein bisschen mehr Bewegung und wir fanden einfach für diese Art von Musik ist das eigentlich ganz passend", erzählt Kilchenmann, der als Cellist allerdings im Sitzen spielt.

Sinnlich

Der Tango ist für Kilchenmann, "Musik, die keine großen Umwege nimmt, die direkt unter die Haut geht, sehr, sehr sinnliche Musik!" Sinnlich, aber auch mit Spaß und Humor liefert das Galatea Quartett den Beweis, dass der Tango auch bestens in die Kammermusiksäle dieser Welt passt. Dort steht, wenn überhaupt, meist nur der "Tango Nuevo" von Astor Piazzolla auf dem Programm. Doch dieser argentinische Komponist spielt – bei aller Hochachtung vor seiner Musik  – auf dem rundherum gelungenen Album ganz bewusst keine Rolle, erklärt Julien Kilchenmann. "In Argentinien sieht man Piazzolla nicht wirklich als Tango. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen gewagt, das zu sagen, aber es ist tatsächlich so. Die alten Tangos, das sind die Tangos, die man hört, zu denen man auch tanzt. Piazzolla ist so ein bisschen so eine "Konzertsaal-Tangomusik", eine Mischung zwischen europäisch-klassischer Musik und Tango."

Hans Ackermann, kulturradio