Tesori d'Italia; Montage: rbb
Bild: Deutsche Grammophon

CD DER WOCHE | 20.11. - 26.11.2017 - "Tesori d'Italia"

Albrecht Mayer ist seit 25 Jahren Solo-Oboist bei den Berliner Philharmonikern und einer der Stars der hiesigen Klassikszene. Schon lange ist er immer auch wieder mit Soloprojekten unterwegs. Seine jüngste Solo-CD enthält Musik aus der Hoch-Zeit der Oboenkonzerte.

Der Berliner Klassikstar Albrecht Mayer, seit 25 Jahren Solo-Oboist bei den Philharmonikern, hat wieder mal eine Solo-CD herausgebracht. Auf dieser hat er "Tesori d’Italia" versammelt, italienische Konzert-Schätze aus der Blütezeit der Oboe, teilweise in Erstaufnahmen. Begleitet wird er dabei von einem Ensemble, das in den 1960er und 70er Jahren seine größten Erfolge feierte, I Musici di Roma.

Ausgrabungen

In den vergangenen Jahren hat Albrecht Mayer eine neue Leidenschaft entdeckt – erstmals im Vorfeld seiner 2013 veröffentlichten CD "Lost and Found" mit Oboenkonzerten aus der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts – und zwar das Aufstöbern unbekannter Werke. Dazu lässt er sich von vielen Bibliotheken jede Menge an Notenkopien zusenden, manchmal begibt er sich aber auch persönlich in Archive, um Originalmanuskripte zu begutachten. So hat er diesmal in London und Stockholm erfolgreich Material gesichtet.

Von der Liste von 77 Werken, die er ursprünglich ins Auge fasste, hat er mit Freunden ein gutes Dutzend ausprobiert, bevor er acht Konzerte aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts zur CD-Produktion nach Rom mitnahm. Von diesen hat er dann sechs auf die neue CD genommen.

Von Vivaldi bis Elmi

Darunter befindet sich ein Konzert von Antonio Vivaldi, während alle weiteren Werke von weniger gut bekannten Komponisten stammen. Drei hat der nach London ausgewanderte Oboenvirtuose Giuseppe Sammartini geschrieben, den Mayer für den ungewöhnlichsten und am meisten unterschätzten Barockkomponisten hält.

Im Gegensatz zu dessen Stücken ist das Concerto in E-Dur des in Dresden wirkenden Giovanni Alberto Ristori wenig idiomatisch für die Oboe – dafür weist seine Tonsprache teilweise nach vorne in die galante Zeit. Völlig unbekannt, selbst für die I Musici-Mitglieder, war der anscheinend in Venedig tätige Domenico Elmi, dessen a-Moll-Konzert stilistisch eher rückwärtsgewandt daherkommt.

Legendäres Ensemble

Bei fast jeder seiner bisherigen Solo-CDs hat Albrecht Mayer mit einem anderen Ensemble zusammengearbeitet. Die "italienischen Kostbarkeiten" auf der neuen CD hat er mit den Musici di Roma aufgenommen, einem bereits 1951 gegründeten Ensemble von elf Streichern und einem Cembalisten. Ihre große Zeit als Barockinterpreten hatten sie in den 1960er und 70er Jahren, als auch der heute 52-jährige Mayer ihre Schallplatten kennenlernte.

Im vergangenen Jahrzehnt hat er den Generations- und Stilwechsel der Gruppe miterlebt, die sich allmählich den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis zuwandte. Wenn sie noch im breiten und akzentlosen Stil der 70er Jahre spielen würden, träte er auf keinen Fall mit ihnen auf, betont der Solist, doch heutzutage empfindet er sie als ideale Partner.

Personalunion

Wie meist bei seinen Ausflügen ins barocke Repertoire fungiert Mayer auch diesmal als Solist und Dirigent in Personalunion. Er hatte das Aufführungsmaterial selbst vorbereitet und deshalb genaue Vorstellungen vom angestrebten Klanggewand.

Seine Mitmusiker durften zwar eigene Ideen einbringen, erklärt er, die mussten dann allerdings schon sehr überzeugend sein, um ihn zu beeindrucken. Um eine CD realisieren zu können, brauche er grundsätzlich ein Ensemble, das ihn kenne und schätze. Und er wird dabei noch deutlicher: "Ich würde kein Ensemble wählen, das sich mir nicht musikalisch unterwirft."

Stilfragen

Für seine Herangehensweise an die Barockmusik ist Albrecht Mayer vielen Spezialisten aus diesem Bereich dankbar, die ihn in gemeinsamer Arbeit inspiriert haben, allen voran Mentoren wie Nikolaus Harnoncourt. Für die Aufnahmen zur "Tesori d’Italia"-CD hat er sich einen alten Freund aus dem Alte-Musik-Lager eingeladen, den Lautenist Luca Pianca, Mitbegründer des renommierten Ensembles Il Giardino Armonico.

Der sollte zum Continuo "ein bisschen Hardcore-Barockinterpretation" beisteuern. Trotz aller Anregungen hat Mayer zur Originalklang-Bewegung jedoch ein ambivalentes Verhältnis. Er hält sie für ein "zyklisches" Phänomen und wirft Teilen der Szene vor, historische Quellen hinsichtlich Aufführungsfragen falsch zu interpretieren. Er betont seine Sicht und erklärt: "Ich weiß, was man auf der Barockoboe machen kann, aber mein Instrument ist ein modernes Instrument, insofern muss ich auch ein bisschen dem modernen Instrument etwas geben, damit es vernünftig und schön und überzeugend klingt."

Personenkult

Seit 2002 hat Albrecht Mayer einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon. Sein Repertoire wählt er vornehmlich danach aus, ob die Stücke gut beim Publikum ankommen. "Es gibt ja viele Kollegen, die sagen, sie dienen den Komponisten. Ich diene keinem Komponisten, sondern ich diene nur dem Publikum", beteuert er.

Seine Solo-CDs, in denen jeweils eine Dramaturgie entworfen und die Hörer "an die Hand genommen werden" sollen, sieht er als "Marke". Die muss jederzeit identifizierbar sein, meint wohl auch seine Plattenfirma, denn im Booklet und auf dem Cover der "Tesori d’Italia" finden sich nicht weniger als acht Fotos des Solisten, wie er im eleganten Lodenmantel und Anzug vor spätherbstlicher römischer Kulisse meist versonnen in die Ferne blickt. Immer mit seiner Oboe in der Hand. Fotos seiner Mitmusiker sucht man hingegen vergeblich. "Man versucht CDs über eine Marke zu verkaufen und dieser Personenkult ist sicherlich dem geschuldet. Aber das ist ein wunderbares Ensemble, die sehen auch sehr hübsch aus und hätten da auch sehr gut reingepasst", erklärt Mayer dazu lachend.

Rainer Baumgärtner, kulturradio