Vassilis Varvaresos: V for Valse © Aparte
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CD DER WOCHE | 16.07. - 22.07.2018 - Vassilis Varvaresos: "V for Valse"

Eine CD  ganz im Zeichen des Walzers, aber weit entfernt von Tanzparkett und Melodien zum Mitpfeifen. Unter dem Motto "V for Valse" lotet der griechische Pianist  Vassilis Varvaresos die romantischen Tiefen der Gattung Walzer aus.

Zum Einstieg gibt Varvaresos den berühmten Mephisto-Walzer Nr. 1 von Franz Liszt. Faust, der Gelehrte, wird teuflisch verführt und verkauft seine Seele für Lust & Leidenschaft. Beim wie irrsinnig anmutenden "Tanz in der Dorfschenke". Auf manchen Fotos sieht der griechische Pianist Vassilis Varvaresos mit seinen langen schwarzen Haaren fast selbst aus wie der junge Franz Liszt. Die artistischen Finger für dessen Mephistowalzer besitzt er auf jeden Fall. Er wählt ein hohes Tempo und hält es uhrwerkgleich durch, ein Walzer mit manchmal fast rabiater Energie.

V für "Valse" steht hier unbedingt auch V wie "Virtuosenstück". Auch der Auftakt zu Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien fällt in diese Walzer-Kategorie. Wer will kann mitzählen. Wieder keine Einladung zum Tanzen, aber doch, der Dreier-Takt stimmt

Die zarten Momente

Der Pianist spielt den gesamten Faschingsschwank-Zyklus und schlägt damit auf seiner Walzer-CD auch die leisen Töne an. Eine Romanze ist selbstredend weit weg vom Walzertakt, das V für "Valse" kann also auch bedeuten V wie "Variante". Eher zart ist auch der Walzer von Peter Tschaikowski aus seinen sechs Stücken für Klavier op. 51. Eigentlich waren sie einst gedacht für Amateurpianist*Innen und ihren Auftritt im bürgerlichen Salon. Doch dieser Ausflug ins Schlichte tut auch dem Klavierspiel von Vassilis Varvaresos gut. Eine Atempause.  

Das Notenkarussel und der Walzer-Crash

Es gibt keinen Tonfall, von dem man sagen könnte, er bestimme die CD. Eben noch in Melancholie versetzt werden wir direkt wieder aufgerüttelt. Das Notenkarussel dreht sich wie ein Fahrgeschäft im Wiener Prater.

Oft schrieben sich in der Musikgeschichte Virtuosen - so sie komponieren konnten – ihre Herausforderungen selbst in die Noten. So auch der Pianist Moritz Rosenthal. In seiner Humoreske zu Themen von Johann Strauss kombiniert er dessen Melodien zu jeder Menge pianistischem Oktavspektakel, schwierigste große Griffe in schneller Folge. Bei entsprechender Trefferquote lassen sie jeden Spieler glänzen: V wie "Victory", Sieg. Eine Effektnummer für's Publikum. Diese Passage der Varvaresos - CD verführt dann doch zum Mitsummen. Und zum Überlegen … welche Melodie ist das noch gleich?

Nach den Runden auf Wienerischem Tanzparkett – unter anderem auch mit Anklängen der Fledermaus-Ouvertüre - wechselt der Pianist in die Welt der überbordenen Gefühligkeit. Mit Alexander Skrjabin und dessen Walzer op. 38. Bei Maurice Ravel dann ist Schluss mit der Gattung. Seine Komposition "La Valse" klingt wie ein zynischer Abgesang. Das Zeitalter des Walzers, das 19. Jahrhundert, ist hörbar am Ende, in der Luft liegt der erste Weltkrieg. Ravels Walzerphantasie läuft beunruhigend mechanisch im Takt und tanzt sich dann wie gegen eine Wand.

Ulrike Jährling, kulturradio