Elgar © Alpha Classics
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CD DER WOCHE | 16.04.–22.04.2018 - "Elgar"

Marie-Elisabeth Hecker hat sich für die Einspielung mit ihrem Ehemann – dem Pianisten Martin Helmchen – sowie drei weiteren befreundeten Musikern zusammengetan. Das Ergebnis überzeugt.

Im Jahr 2005 gewann Marie-Elisabeth Hecker erstmals in der Geschichte des Rostropowitsch-Wettbewerbs in Paris gleich drei Preise: den ersten Preis und zwei Sonderpreise. Die damals 18-Jährige, die übrigens auch vorher schon mehrfach ausgezeichnet worden war, hat mit dieser Sensation internationale Aufmerksamkeit erlangt. Heute ist sie 31 und eine gefragte Solistin und Kammermusikerin.

1965 wurde die Cellistin Jacqueline du Pré ebenfalls mit einer kleinen Sensation bekannt. Ihr Ruhm begann mit ihrer Interpretation des Cellokonzerts von Edward Elgar, das sie mit damals 20 spielte. Bis heute setzt ihre Einspielung Maßstäbe – auch für Marie-Elisabeth Hecker. Sie hatte dank du Pré das Cellokonzert von Elgar als Teenager kennen und lieben gelernt.

"Ich habe einfach so persönlich gespielt, wie ich irgendwie konnte, und meine Interpretation von dem Stück gegeben. Und mehr wollte ich eigentlich gar nicht damit."

Tiefe Melancholie

Wenn man sie trifft, ist Marie-Elisabeth Hecker ein fröhlicher Mensch.

In der CD-Aufnahme hingegen scheint sie den melancholischen Grundton des Cellokonzerts durch und durch verinnerlicht zu haben. Sie spielt mit ganzer Seele -dabei jedoch immer ein ganz klein wenig zurückgenommen, sodass es niemals zu dick klingt und an keiner Stelle kitschig.

Elgar komponierte das Werk im Jahr 1919. Er war damals Anfang 60. Er hatte eine unangenehme Mandelentzündung hinter sich, und es ging ihm nicht gut. Wenn man das Cellokonzert spielt, muss man das wissen, findet Marie-Elisabeth Hecker.

Kurze Momente der Heiterkeit

Im kurzen zweiten Satz gelingt es ihr, gemeinsam mit dem Antwerp Symphony Orchestra unter Edo de Waart, für einen Augenblick eine nahezu unbeschwerte Fröhlichkeit aufkommen zu lassen. Wie die Erinnerung an ein früheres Leben – und nur, um in den beiden folgenden Sätzen wieder in tiefe Schwermut zu verfallen.

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Gerade der Abgesang im letzten Satz: so etwas gibt es eigentlich nur für Cello. Und das ist auch gleichzeitig die Stelle, wo ich bei Jaqueline du Prés Aufnahme damals völlig in Tränen aufgelöst war."

Nach dem Klagelied "Sospiri" – einem kurzen, häufig als Zugabe gespielten Stück – folgt auf der CD der andere Höhepunkt: Edward Elgars nur selten gespieltes Klavierquintett. Der Anfang ist geprägt durch das gegensätzliche Spiel von Streichern und Klavier.

Klavierquintett: Unheilvoll zu Beginn

"Das ist ein gruseliger Anfang", sagt die Cellistin Hecker. "Als ob das Schicksal an die Tür klopft. Die Streicher übernehmen das pochende Element, und das Klavier muss eine endlos lange Linie aus jeweils nur zwei Tönen spielen. Dieser Anfang ist mit das Besonderste, was ich jemals an Kammermusik gehört habe."

Das Quintett schrieb Elgar ungefähr zur gleichen Zeit wie sein Cellokonzert, es ist ähnlich melancholisch. Zugleich steckt es voller kleiner, leicht eingängiger Melodien. Der eine oder andere Ohrwurm bleibt, garantiert.

Englische Landschaften

Für Marie-Elisabeth Hecker erzählt das Klavierquintett von Edward Elgars britischer Heimat – vor allem im zweiten Satz : "Das Besondere ist das Hymnische: man hat sofort die englische Hügellandschaft vor Augen. Das ist vielleicht ein bisschen ein Klischee, aber es kommt einem wirklich so vor. Durch das große Violasolo – überhaupt hat die Viola einen wichtigen Partn in dem Stück, und das Cello zum Glück auch – ist das Werk von einer unfassbaren Ruhe geprägt. Die Schönheit wird erst in der Mitte des Stücks wieder aufgewühlter. Für mich hat das Stück wirklich etwas extrem Englisches."

Musik mit Freunden

Marie-Elisabeth Hecker hat sich für die Einspielung mit ihrem Ehemann – dem Pianisten Martin Helmchen – sowie drei weiteren befreundeten Musikern zusammengetan. Das Ergebnis überzeugt. Zwar hatte Hecker mit jedem der Musiker auch vorher schon gespielt, allerdings nie alle zusammen als Quintett.

"Tatsächlich hat sich das herausgestellt, dass wir eine super Gruppe sind. Ich bin sehr glücklich mit der Auswahl. Es sind alles Freunde mit denen ich mich wohlfühle, Das ist für mich immer am wichtigsten.


Indem Hecker ihre Lieblingsmusik spielt und mit Freunden besetzt – vor allem aber auch durch ihre feinsinnige Interpretation bringt Marie-Luise Hecker viel Persönliches zum Ausdruck. In dieser Hinsicht ist das Album ein Doppelporträt, einmal des Komponisten Elgar und dann der Cellistin Hecker. Auf alle Fälle ist es: unbedingt hörenswert.

Antje Bonhage, kulturradio