Komponistenbüste von Franz Schubert; © imago/Hoffmann
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Franz Schubert - Die Welt in den Griff bekommen

Gerade heute, im Zeitalter der Kurznachrichten und Video-Schnipsel, müsste uns der Meister der kleinen Form näher sein, als er es oftmals ist.

Wer sich mit Schubert beschäftigt, braucht keinen Anlass. Keine Gedenk- oder Jahrestage, keine Jubelindustrie. Wer sich mit Schubert beschäftigt, ist auf der Suche nach der Musik in sich selbst. Und findet sie in Liedern wie dem "Erlkönig" und in Zyklen wie der "Winterreise", in Kammermusik wie den beiden Klaviertrios, in den späten Klaviersonaten und in Sinfonien wie der "Unvollendeten".

Franz Peter Seraph Schubert, geboren 1797 in der Wiener Vorstadt, begegnet uns als Komponist gleichsam "nackt", und das ist ganz und gar nicht eskapistisch gemeint, im Sinne eines weltflüchtigen "L'art pour l'art"-Denkens.

Schubert fehlt das Goldschnitthaft-Altmeisterliche eines Bach, das Revolutionäre eines Beethoven, das Bürgerlich-Lebensweltliche eines Schumann, das entschieden Anti-Modernistische eines Brahms – jedenfalls soweit alles Außermusikalische überhaupt als Erklärungsmodell für die Musik taugt.

Meister der kleinen Form

Schubert ist ein Künstler der politischen Restauration, und das heißt: So sehr er das Rampenlicht sucht, so sehr muss er es scheuen. Der Metternich-Staat treibt die Kunst in Nischen, in kleine und kleinste Räume, in intime Formen. Nur dort, wo staatliche Überwachung und Zensur nicht greifen (können), im Privaten, in der Halb-Öffentlichkeit der frühen Zirkel und Salons, ist die Musik frei. Und Schubert mit ihr.

Die Rückzugsgebärde auf der Suche nach der größtmöglichen Freiheit des künstlerischen Ausdrucks – das müsste dem 21. Jahrhundert in seiner galoppierenden Unübersichtlichkeit mindestens so vertraut sein wie der Schubert-Zeit. Und so müsste uns auch Schubert selbst näher sein, als er es oftmals ist.

Gerade er, der Liederkomponist, der Meister der kleinen Form. Gerade heute, im Zeitalter virtueller Realitäten. Die 140 Zeichen auf Twitter, die Kurznachrichten, die wir täglich verschicken, die YouTube-Schnipsel, durch die wir uns klicken: Sind das nicht alles Versuche, die Welt da draußen noch irgendwie in den Griff zu bekommen? Und selbst dabei nicht ganz verloren zu gehen?

Christine Lemke-Matwey, kulturradio