Giuseppe Verdi, Porträt von Giovanni Boldini, 1886; © imago/Leemage
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Giuseppe Verdi | So 09.07. - 26.11.2017 - Ein Bauer aus Roncole

Verdi war Waage. Waage im Sternzeichen und allem Anschein nach ein ausgeglichener, um Balance bemühter Mensch, freundlich, diplomatisch, von einem großen Gerechtigkeitssinn und sozialen Gewissen beseelt. Studiert man die Physiognomie des Komponisten und wie sie sich über die Jahrzehnte verändert, entdeckt man freilich auch andere Züge.

Frühe Furchen im Gesicht, eine schwere Stirn und dunklen Blick, einen bitteren Zug um den Mund, einen tiefen Ernst: Verdi hatte keine stabile Konstitution, war viel krank, ein nervöser Geist mit chronischen Magenbeschwerden, von einer enormen schöpferischen Rastlosigkeit getrieben.

Konnte er – dessen Musik vor Sinnlichkeit und Ironie oft nur so strotzt – lachen, nach Herzenslust essen und trinken, leben? Gewiss. Nur Darstellungen gibt es davon nicht, keine Bilder, Büsten oder Fotografien. Dafür hat er selbst gesorgt, wie er überhaupt bemerkenswert früh das Bild bestimmte, das die Öffentlichkeit von ihm haben sollte.

Und wer ihm im Alter eine vergleichsweise milde Ausstrahlung unterstellt, der denke an die Ehrungen, die ihm – reichlich spät – widerfahren und ihn zum Staatskünstler adeln.

Die Seele des Menschen

Sich der Figur Verdis und seinem Œuvre zu nähern, heißt, sich ein Stück weit seiner Unrast anzuvertrauen. Verdis Leben erzählt sich nicht unbedingt am besten chronologisch. Im Vergleich zu Wagner, dem revolutionären Erfinder des "Musikdramas", wird er gleichwohl gerne als Evolutionär bezeichnet: einer, der das Neue nicht hart gegen das Alte setzt, sondern der musikalischen Form bei ihrer Entwicklung hilft.

Das bedeutet nicht, dass er auf seinem Weg durch immerhin 28 Opern hindurch, von "Oberto" bis "Falstaff", einer inneren Logik folgte oder einem geheimen Ariadnefaden. Wie Richard Wagner (und wie beider gemeinsames Vorbild Giacomo Meyerbeer) reagiert auch Verdi seismographisch auf alles, was die Operntradition mit sozialer Gegenwart aufladen und, aller Zensur zum Trotz, Erfolg versprechen könnte. Diverse Versuche in Sachen Grand Opéra, eine erste Shakespeare-Vertonung für Florenz, Schillers "Räuber" für London oder eine "Aida" für Ägypten: Die ästhetischen Profile und Anforderungen mögen sich rasant ändern – und so nicht zuletzt das Potenzial des italienischen Theaterlebens der Zeit spiegeln.

Was alle Werke eint und worin Verdi sich stetig verfeinert, das ist die Arbeit an der Seele des Menschen, der Blick in unser Unbewusstes. Dieser Blick macht den "Bauern aus Roncole" – der 1901, ein Jahr nach der Erstveröffentlichung von Sigmund Freuds "Traumdeutung", stirbt – in ganz anderer Weise zu einem modernen, ja bis heute zeitgenössischen Künstler als Meyerbeer oder Wagner es gewesen sind.

kulturradio, Christine Lemke-Matwey