Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor, Berlin 2018; dpa/Britta Pedersen
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Die Vorwürfe gegen Daniel Barenboim und was daraus folgt - Wüterich oder verdienter Maestro?

Cholerische Unbeherrschtheit in Verbindung mit nahezu uneingeschränkter Machtfülle: Das Bild von Daniel Barenboim, das in einem soeben erschienenen Internet-Musikmagazin gezeichnet wird, hat eine Debatte ausgelöst. Zu Recht? Es kommentiert Manuel Brug.

Götterdämmerung? Das wohl nicht. Aber ein Stich ins Wagner-gegerbte Daniel-Barenboim-Fleisch. Die auf mindesten zehn, freilich anonymen hausinternen Quellen fußenden Vorwürfe des Online-Klassikmagazins VAN sind nicht so schlimm, wie sie sich anhören. Ungeduld, Aggression, Wut. Eine Konzertprobe ist eben kein Ponyhof.

Wer wollte, wusste das längst. Nur viele schauten und hörten weg. Zum System Barenboim gehören auch die Hofpoeten. Klar, der heute 76-jährige Daniel Barenboim geriert sich wie ein schon von Jugend an im Machosystem Klassik groß gewordener Superstar. Einer der letzten. Dem kann keiner, der darf (fast) alles. Zu viel und zu groß sind die Talente, die über das einst lockige Haupt ausgestreut wurden. Und wen die Götter lieben ... da schweigt zumindest das Umgangsregelwerk unter Normalsterblichen still.

Wie auch die Politik. Daniel Barenboim, in Ermangelung einer Alternative und längst von seiner nibelungentreuen Kapelle eigenmächtig zum Chef „auf Lebenszeit“ ausgerufen, erhielt in Berlin stetig neue Verträge und viel Geld. Er durfte und bekam alles. Niemand stand mit dem Lorbeerkranz hinter ihm und flüsterte: „Bedenke, dass du nur ein Mensch bist“.

Die aber, die ihm – auch von Amts wegen – Widerstand leisteten, wurden schnell und grausam entsorgt. Darunter sind zwei Intendanten: Georg Quander und Peter Mussbach, dessen Regiekarriere danach in Scherben lag. Andere gingen freiwillig. Und wenn er mal wieder mit seinen Musikern zu arg wurde, dann kniff man die Lippen zusammen: Schließlich profitierte jeder vom Ruhm dieses Superstars.

So ist es freilich auch unter Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern gewesen. Auch da musste Intendant Elmar Weingarten über die Klinge springen, weil er manchen Größenwahnsinn verweigerte. Im Dresden des Christan Thielemann geht es kaum anders zu. Große Künstler, mitunter kleine Geister. Und teilweise mit sehr schlechter Kinderstube. Sie haben es ja nie anders gelernt. Man hat sie gelassen.

Doch selbst Daniel Barenboim wird alt, die Energie von früher verlöscht langsam. Burg Barenboim bröckelt. Unmutsstimmen werden laut. Noch keine Götterdämmerung. Aber ein bald verschwundenes System. Außer dem Dino Barenboim residiert in der Klassikwelt nur Valery Gergiev in St. Petersburg als das personifizierte Mariinsky Theater mit ähnlicher Machtfülle.

Aber in Berlin sollte man sich vielleicht endlich Gedanken machen, was nach 2022 sein wird. Da endet – wieder mal – ein Barenboim-Vertrag. Hoffentlich hat die Nachfolge-Suche schon begonnen. Denn ein dann 80-jähriger Daniel Barenboim, der sich weiterhin an die Macht klammert – kein schönes Bild. Weder für Berlin noch für ihn.