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Das Literarische Gespräch - Ilija Trojanow – "Nach der Flucht"

Am Mikrofon: Anne-Dore Krohn
 
"Jeder, der mal eine Flucht erlebt hat, ist den Rest seines Lebens ein Geflüchteter. Das legt man nicht ab. Es ist die prägende Essenz des restlichen Lebens."

Ilija Trojanow ist bekannt dafür, dass er sich der Welt aussetzt, bevor er über sie schreibt. Für seinen Bestseller "Der Weltensammler" ist er nach Mekka gepilgert und durch den Busch gelaufen, für "Eistau" war er in der Antarktis, für "Meine Olympiade" hat er alle 80 olympischen Disziplinen ausprobiert.

Für sein neues Buch musste er nicht auf Reisen gehen, sondern hat die Archive seiner eigenen Erinnerung abgeschritten. "Nach der Flucht" beschreibt in 198 kleinen Betrachtungen die Gedanken- und Erfahrungswelt von Geflüchteten, die Ilija Trojanow gut kennt: Als Sechsjähriger ist er mit seiner Familie aus Bulgarien geflüchtet.

"Ich glaube, wir müssen die Flucht befreien von den rein negativen Konnotationen", sagt Trojanow im Literarischen Gespräch im kulturradio vom rbb. Natürlich sei eine Flucht traumatisch, aber die Folgen könnten auch zu einer Art Befreiung führen, zu einer selbstbestimmten kulturellen Identität. So sei es bei ihm selbst gewesen, trotz der vielen Herausforderungen, die er in "Nach der Flucht" beschreibt: Die neue Sprache, die Vorurteile, die Blicke und Fragen, die Außenseiterrolle, die Nostalgie.

"Es gab eine Zeit, in der ich gemeint habe, durch die Flucht ist mir etwas Wesentliches entgangen, ich wurde ausgeworfen. Und irgendwann habe ich festgestellt: Nein, ich wurde aufgefordert, meinen eigenen Weg zu gehen. Und ich habe kapiert: Die Frage 'Wo kommst du her?' ist auf mich bezogen nicht die relevante, sondern die Frage: 'Wo gehst Du hin?'"

"Nach der Flucht" liest sich wie die Quintessenz seiner lebenslangen Beschäftigungen mit dem Thema, gleichzeitig wie ein Handbuch der Empathie. Das Text-Kaleidoskop untersucht nicht nur Erfahrungsmomente von Geflüchteten, sondern unterzieht auch Begriffe wie Herkunft, Heimkehr, Wurzeln oder Stamm einer sprachskeptischen Betrachtung. Da sind eigene Erinnerungen des Autors an seinen "sprachlosen" ersten Schultag in Deutschland oder seine Erfahrungen als Staatenloser. Dann wieder gibt es exemplarische Merksätze, Episoden, Dramolette oder Gedichte. Im zweiten Teil widmet sich Trojanow dann Ideen für die Zukunft.

"Ich spüre die Notwendigkeit, dass ich erzählen und erklären muss. Weil ich das selbst erlebt habe. Ich kann die Zukunft der jetzigen Flüchtlinge vorwegnehmen. Lasst uns doch mal innehalten und auf die langfristigen Probleme schauen."

Inspiriert hat Trojanow auch ein Bilder-Zyklus des afroamerikanischen Malers Jacob Lawrence, der 1940/41 "The Migration Series" malte, über die Massenflucht der Afroamerikaner in den Norden zwischen den beiden Weltkriegen. Eines dieser Bilder, die heute im MoMA hängen, hat Trojanow in sein Buch aufgenommen. Eine Erinnerung daran, dass die Probleme der Flüchtlinge nicht neu sind, dass zum Beispiel deutsche Vertriebene in den Vierzigerjahren Ähnliches erlebten wie syrische oder afrikanische Flüchtlinge heute.

Im Literarischen Gespräch spricht Ilija Trojanow über die Stürme, denen man als Geflüchteter sein Leben lang ausgesetzt ist, berichtet davon, wie er Studenten beigebracht hat, die Fremde zu erfahren und erklärt, warum man dringend die "Autobahnen der Sicherheit" verlassen sollte.