Matthias Nawrat und Nadine Kreuzahler © Gregor Baron
Gregor Baron
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- Das große Unbehagen

Matthias Nawrat und sein neuer Roman "Der traurige Gast"
 
Moderation: Nadine Kreuzahler

Die polnische Architektin Dorata übt den totalen Rückzug. Seit Jahren hat sie sich nicht mehr aus ihrem Stadtviertel Berlin-Schöneberg herausbewegt. Dariusz war mal Arzt, jetzt arbeitet er an einer Tankstelle und trauert um seinen Sohn. Diesen Menschen begegnet der namenlose Ich-Erzähler im neuen Roman  von Matthias Nawrat: "Der traurige Gast".

"Der traurige Gast“ ist ein Mensch, der sich grundsätzlich Gedanken macht über die menschliche Existenz und über das, was in der Welt passiert. Er ist ein Menschenfreund, der sich für Menschen interessiert, die ihm irgendwie existenziell derangiert vorkommen." (Matthias Nawrat)

Dann passiert der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Und plötzlich regiert den Ich-Erzähler Angst.

Nawrats neuer Roman ist ganz anders als seine drei Vorgänger. "Wir zwei allein" von 2012 ist die Geschichte einer "Amour Fou" im Schwarzwald und bescherte ihm den Adelbert-Chamisso-Förderpreis. Für "Unternehmer", eine Kapitalismuskritik im Gewand einer fantastisch anmutenden Familiengeschichte war Nawrat 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert, und für seinen dritten Roman "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" von 2015, ein polnisches Familienepos, bekam er die Alfred-Döblin-Medaille.

Sein "trauriger Gast" nun ist ein Großstadt-Flaneur, der Text ein Streifzug durch Berlin in Episoden und Begegnungen, erzählt in einem tagebuchartigen Realismus. Nawrat bezeichnet sein neues Buch als eine "Forschungsarbeit", die nicht weniger erkunden will als die Frage: Was ist der Mensch? Es geht um die vererbten Traumata der Vergangenheit, um deutsch-polnische Geschichte, um Terror, Angst und Paranoia, um Lebensentwürfe und: Hoffnung.

"Ich habe in Abgründe geblickt, in eigene, aber auch in menschliche Abgründe, in die ich ursprünglich nicht hätte hinabschauen wollen." (Matthias Nawrat)

Im Literarischen Gespräch spricht Nadine Kreuzahler mit Matthias Nawrat über diese Abgründe, darüber, wieso das Schreiben manchmal eine Last ist und wie die Schrecken der europäischen Geschichte auch heute noch in uns nachwirken.