Mantegna und Bellini; Darbietung Christi im Tempel
Bild: Staatliche Museen zu Berlin; ©cameraphoto arte snc

- Pioniere der abendländischen Kunst

Andrea Mantegna und Giovanni Bellini schufen Bilder, die die Darstellung der Welt in der Malerei – und damit auch unsere Sichtweise – maßgeblich prägten. Mehr als 500 Jahre nach ihrem Tod untersucht die Gemäldegalerie das Werk der miteinander verwandten Maler auf gegenseitige Beeinflussung und Eigenständigkeit.

Vieles muss Vermutung bleiben: Da es keine genauen Geburtsdaten gibt, kann man nur annehmen, dass Andrea Mantegna um 1431 bei Padua geboren wurde und der Venezianer Giovanni Bellini vier, fünf Jahre jünger war. Fest steht hingegen, dass beide in besonderem Kontakt zueinander standen, denn 1453 heiratete Mantegna die Schwester Bellinis, Nicolosia.

Und: Beider Werk zeigt so auffällige Korrespondenzen, dass Zuschreibungen im Laufe der Jahrhunderte hin und her wechselten: Mal galt Mantegna als Schöpfer eines bestimmten Bildes oder einer Bildidee, dann wieder Bellini.

Die große Ähnlichkeit zweier Fassungen einer "Darbringung Christi im Tempel" (um 1454, bzw. um 1470 - 1475) führte beispielsweise dazu, dass zunächst Andrea Mantegna als Urheber beider Bilder galt. Heute dagegen gehen die Kunsthistoriker davon aus, dass die spätere Version von Bellini gemalt wurde. Zwar ist unklar, warum dieser die Komposition seines Schwagers rund 20 Jahre später aufgriff (tatsächlich abpauste, wie neue Untersuchungen zeigen, ehe er sie um weitere Figuren ergänzte). Doch es war Bellini – und nicht Mantegna –, der diesen halbfigurigen Kompositionstypus in anderen Gemälden weiterentwickelte.

Überschneidungen und Unterschiede

Beide "Darbringungen" gehören nun zu einer Gruppe von Bildpaaren, in denen sich das Schaffen beider Maler überschneidet und die den Kern der Ausstellung bilden. Daneben zeichnet sie die höchst unterschiedliche Entwicklung dieser Künstlerpersönlichkeiten nach. Während Mantegna aus einfachsten Verhältnissen stammte und frühreif, noch in der Werkstatt seines Lehrmeisters Francesco Squarcione von sich reden machte, trat Giovanni Bellini (der einer der bedeutendsten Malerdynastien Venedigs entstammte) erst allmählich hervor.

Mantegna wurde Hofmaler in Mantua und bildete sich zum 'Humanisten', einem profunden Kenner der Antike. Er gehörte zu den ersten, die es verstanden, Körper räumlich, d.h. in perspektivischer Verkürzung darzustellen. Während er bis zu seinem Lebensende mit Temperafarben malte, nutzte Bellini die gerade erst aufkommende Technik der Ölmalerei, der seine Bilder ihr leuchtendes Kolorit und die weichen Farbabstufungen verdanken. Er führte Licht und Landschaft als Ausdrucksträger in der Malerei ein und schuf Stimmungen, wo Mantegna den Betrachter eher intellektuell und mit bravourösen Effekten beeindruckt.

So entwickelt jeder von ihnen seine eigene Handschrift und doch, so die These dieser Ausstellung, greifen beide immer wieder "Erfindungen" des jeweils anderen auf, um sie in etwas Eigenes zu verwandeln. Mit kostbaren Leihgaben bietet diese Kooperation mit der National Gallery und dem British Museum in London einen außergewöhnlichen Einblick in einen Abschnitt der Kunstgeschichte, mit dem vor über 500 Jahren die Neuzeit begann.

Silke Hennig, kulturradio

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Die Restauratorin Babette Hartwieg

Bevor die Bilder von Mantegna und Bellini in der Gemäldegalerie gezeigt werden können, mussten sie aufwändig restauriert werden. Mit ihrem Team hat die Chefrestauratorin Babette Hartwieg mehrere Monate daran gearbeitet.