Die Abenteuer des Prinzen Achmed; Montage: rbb
Bild: absolut Medien

DVD - "Die Abenteuer des Prinzen Achmed"

Bewertung:

Märchen nach Motiven aus Tausendundeiner Nacht, in HD restauriert und mit neu eingespielter Musik

Lotte Reiniger ist die deutsche Pionierin des Animationsfilms. Schon 1926, also noch vor Walt Disney fertigte sie mit "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" den ersten abendfüllenden Animationsfilm, ein atemraubend schönes Märchen nach Motiven aus Tausendundeiner Nacht. Bis heute gehört das filmische Kunstwerk zu den deutschen Filmen, die vom Goethe-Institut weltweit häufigsten ausgeliehen und vorgeführt werden. Bei Absolut Medien ist dieses Meisterwerk der Scherenschnitttechnik jetzt in der vom deutschen Filmmuseum restaurierten Fassung mit drei verschiedenen Musikeinspielungen und umfangreichen Bonusmaterial als Blu-ray veröffentlicht worden.

Enorme Ausdruckskraft

"Gewaltig war die Macht des afrikanischen Zauberers",  lassen die Zwischentitel gleich am Anfang wissen. Mit markanter Nase, spitzem Kinn und krallenartig gekrümmten Fingern verkörpert er das sinistre Böse, als Gegenspieler des guten Prinzen Achmed. Schon in diesen ersten Bildern erstaunt die enorme Ausdruckskraft, die Lotte Reiniger den im Grunde schlichten Silhouetten entlockt, etwa wenn der Zauberer mit spitzen Fingern die Welt der Fantasie dirigiert, wenn er aus Wolkenschwaden vage Tierformen erschafft, aus denen sich dann langsam das fliegende Zauberpferd formt, das er dem Kalifen beim Geburtstagsfest im Tausch gegen dessen Tochter anbieten wird.

Später im Film gibt es eine wunderbare Szene, in der der Zauberer nach dem Aufenthaltstort seines entschwundenen Pferdes sucht, mit spitzen Fingern webt er ein feines Kugel-Gespinst, in dem er den Prinzen und seine Braut erspäht.

Silhouetten-Wunderwelten

Noch heute, in den Zeiten der modernsten Computertricktechnik, gehen einem die Augen über, beim Anblick der Silhouetten-Wunderwelten, die Lotte Reiniger vor bald 100 Jahren mit der Schere erschaffen hat: filigranes Blattwerk, bizarr geschwungene Äste, feine Federn, Kleider und Vorhänge aus durchbrochenen Spitzenstrukturen und kunstvoll ziselierte orientalische Architekturen mit Türmchen und Kuppeln, aber auch düster romantische Landschaften an verwunschenen Seen und in finsteren Schluchten.

Im Bonusmaterial erzählt Lotte Reiniger 1981 als alte Dame im Garten sitzend davon, wie dieser siebzigminütige Film in drei Jahren Arbeit entstanden ist: "Ja, ich habe zunächst sehr viele Zeichnungen gemacht von den dramatischen Szenen, die in dem Film vorkamen und dann entwickelte sich daraus so allmählich eine Form für den Helden, der übrigens eine sehr starke Ähnlichkeit hatte zu dem Marquis, der den Film finanziert hat. Das war ein sehr schöner junger Mann, der gefiel mir sehr und das ist ein etwas idealisiertes Portrait von diesem jungen Mann."

Ein aufwendiger Prozess

In einem aufwendigen Prozess wurden die Szenen auf einer mit transparentem Papier bedeckten Glasplatte aufgebaut, die von unten mit Licht bestrahlt und von oben mit der Kamera gefilmt wurde. Die Figuren schnitt sie mit der feinen Nagelschere aus einem Verbundmaterial aus Papier und Blei, damit sie bei den Aufnahmen nicht so leicht verrutschen konnten.

Besonders aufwendig ist die Gestaltung einer Fahrt mit dem Schiff auf stürmischer See: "Wir machten alles mit unseren Händchen, viele Phasen von den selben Bewegungen, auf einer Platte lag die Oberwelle, dann kam eine Glasplatte, auf der war das Schiff, dann kam noch eine Glasplatte, auf der war die zweite Welle und eine Glasplatte, auf der war die dritte Welle und die waren gegeneinander auskomponiert und wurden dann immer von Bildchen zu Bildchen aufgelegt und ich versuchte dann immer zwischen diesen beiden Glasplatten mit den Fingern das Schiff einigermaßen in der richtigen Haltung zu haben."

Spektakuläre Metamorphosen

Auf dem Geburtstagsfest des Kalifen lässt sich der Prinz zu einem Probewolkenritt mit dem Zauberpferd verführen und landet bald auf einer der Zauberinseln von Wak Wak, wo er von einem Mädchenschwarm umgarnt wird, und sich am blauen, von Palmen umgebenen Zaubersee in Pari Banu, die Herrin des magischen Inselarchipels verliebt.

Danach entbrennt ein hitziger Kampf um das Pferd, die Prinzessin und den Prinzen, zwischen dem auf Rache sinnenden bösen Zauberer und einer guten Hexe, die Achmed zu Hilfe kommt. Im Verlauf dieses Befreiunsgkampfes kommt es mithilfe einfacher analoger Tricks zu spektakulären Metamorphosen von einem Drachen in einen Vogel in ein Krokodil in eine Schlange in einen Löwen.

Ausnahme-Filmemacherin

Die 1899 in Berlin geborene Lotte Reiniger war früh von der noch jungen Kunst der bewegten Bilder fasziniert. Schon mit dreizehn Jahren bezauberte sie ihre Zuschauer mit öffentlichen Schattentheater-Vorführungen und geriet bald in das kreative Umfeld von Paul Wegener, dem Regisseur von "Der Golem". Dass die Ausnahme-Filmemacherin unter lauter Männern die einzige Frau war, störte sie nicht im Geringsten: "Ach wo, im Gegenteil  (lacht) ja, ja, die waren immer sehr nett zu mir, ich hab nie daran gedacht, als Frau Schwierigkeiten zu haben – im Gegenteil, das konnte man immer ausnutzen, wenn man anfing zu weinen, dann hörten die auf ..."

Die Blu-ray "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" ist mit umfangreichem Bonusmaterial und der Original-Musik von Walter Zeller und zwei weiteren Musik-Einspielungen in der Arte Edition bei Absolut Medien erschienen und kostet rund 17 Euro. Weitere Filme von Lotte Reiniger sind ebenfalls bei Absolut Medien erschienen.

Anke Sterneborg, kulturradio

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