Einer von zwei Teilen der Arbeit der Künstlerin Firelei Baez bei der Ausstellung der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst in der Akademie der Künste; © dpa/Carsten Koall
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X. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst - "We don’t need another hero"

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Es war viel gemutmaßt worden, dass diese Berlin Biennale, die von einem Kuratorenteam verantwortet wird, in dem alle afrikanische Wurzeln haben, ganz im Zeichen eines post-kolonialen Diskurs' stehen könnte. Doch so ist es nicht.

Es sind nicht Botschaften, die diese 10. Ausgabe in den Vordergrund rückt, sondern tatsächlich die Kunst und ihre Fähigkeit zu Mehrdeutigkeit und ästhetischer Vielfalt. Es dominieren leisere Töne, nicht laute Anklage. Auch die knapp 50 teilnehmenden Künstler*innen sind mehrheitlich nicht-europäischer Herkunft. Entsprechend sind ihre Arbeiten geprägt durch eine Perspektive, die eher vom Rand, von der Peripherie aus die Dinge betrachtet.

Es ist dieser "andere" Blickwinkel, den sich die diesjährige Berlin Biennale zu Eigen macht. Sie zeigt Werke, die "alternative Erzählungen" in den Fokus rücken – das, was gemeinhin übersehen wird. Dazu gehört eine kleine Fotografie, die das Team zeigt, das den Betrieb der "Kunstwerke" in Berlin Mitte – gewissermaßen das 'Mutterhaus' der Berlin Biennale – als Ausstellungsort gewährleistet, ebenso wie die (Wieder-)Entdeckung bereits verstorbener Künstler*innen – so wie die Kubanerin Belkis Ayón mit ihren intensiv schwarzen, großformatigen Druckgrafiken.

Bedeutung hängt immer auch von Perspektive ab. Emblematisch verkörpert diese Kernaussage der diesjährigen Berlin Biennale ein Architekturfragment, das die Künstlerin Firelei Báez wie eine Fata Morgana vor den nüchternen Glas- und Beton-Bau der Akademie der Künste im Tiergarten gebaut hat. Bogenförmige Durchgänge und Figurenschmuck erinnern nicht zufällig an Schloss Sanssouci in Potsdam.

Gleichzeitig zitiert Báez damit aber auch ein Schloss gleichen Namens, das nach diesem Vorbild ein halbes Jahrhundert später auf Haiti errichtet wurde von Henri I., ehemals Anführer der schwarzen Rebellion und Mörder eines Rivalen, der gleichfalls "Sans Souci" hieß – auf Deutsch "Sorgenfrei".

Dass Vieles mit Vielem ganz unvermutet zusammenhängt und ein- und dasselbe völlig verschiedene Resonanzräume eröffnen kann – je nach Blickwinkel – diese Einsicht vermittelt diese Biennale immer wieder auf vielfältige Weise.

Nicht alles kann überzeugen, auch hier findet sich "Biennalen-Kunst" von der eher eindimensionalen Art, doch insgesamt – auch dank sorgfältiger Komposition der einzelnen Ausstellungsorte – ist diese X. Berlin Biennale eine echte Einladung zum Blick über den eigenen Tellerrand.

Silke Hennig, kulturradio