Karl Eduard Biermann "Das Wetterhorn" (1830); © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger
Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Andres Kilger Gustave Courbet

Alte Nationalgalerie - "Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir"

Was heute Volkssport ist, war lange Zeit nur notwendiges Übel: Wer von A nach B musste und weder Kutsche noch Pferd hatte, dem blieb nur, zu Fuß zu gehen. Wandern als Weg, um der Natur und sich selbst näher zu kommen, wurde erst vor rund 200 Jahren "entdeckt". Doch die Spuren, die diese neue "Wanderlust" in der Kunst hinterließ, sind ausgesprochen breit.

Carl Spitzweg "Engländer in der Campagna" (um 1835); © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders
Carl Spitzweg "Engländer in der Campagna" (um 1835)Bild: © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie fächert sie auf in Kapitel, die von den Anfängen - der "Entdeckung der Natur" im späten 18. Jahrhundert - über die "Künstlerwanderung", "Lebensreise" bis zum "Spaziergang" reichen. Hier treten vor allem die Frauen ins Bild, die allein schon durch ihre Kleiderordnung - Korsett und lange Röcke - am Wandern gehindert waren.

Jens Ferdinand Willumsen "Bergsteigerin" (1912); © Statens Museum for Kunst, Copenhagen/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Jens Ferdinand Willumsen "Bergsteigerin" (1912) | Bild: © Statens Museum for Kunst, Copenhagen/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Dass ausgerechnet das Bild einer "Bergsteigerin" von 1912 den Ausstellungsrundgang eröffnet, ist daher programmatisch zu verstehen: Als Sinnbild dafür, dass Wandern immer auch mit Freiheit zu tun hat - damit, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen. Das Gemälde, auf dem der Däne Jens Ferdinand Willumsen seine Frau monumental vor monumentaler, expressiv leuchtender Bergkulisse in Szene gesetzt hat, ist gewissermaßen das Gegenstück zu Caspar David Friedrichs berühmtem "Wanderer über dem Nebelmeer", das fast 100 Jahre früher entstand.

Caspar David Friedrich "Wanderer über dem Nebelmeer" (um 1817); © SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk/Elke Walford
Jens Ferdinand Willumsen "Bergsteigerin" (1912) | Bild: SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk/Elke Walford

Auch dort erblickt man ein zerklüftetes Berg-Panorama, auch dort stützt sich der Wanderer auf einen Stock, allerdings wendet er dem Betrachter den Rücken zu und wirkt in seinem grünen Anzug eher wie ein Städter. Die Natur in ihrer Weite oder Wildheit erscheint bei Friedrich wie bei vielen anderen Malern eher als Kulisse und der Wanderer als Inbild für die Ausgesetztheit des Menschen in allgewaltiger Natur.

Emil Nolde "Winter" (1907); © Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde "Winter" (1907) | Bild: Nolde Stiftung Seebüll

Damit liefert die Ausstellung keine ganz neuen Einsichten, aber sie überzeugt in einigen ungeheuer prägnanten Bild-Gegenüberstellungen. Dass sie sich auf's "Kerngeschäft" der Alten Nationalgalerie, die Kunst des 19. Jahrhunderts, konzentriert und sich nur wenige Ausblicke darüber hinaus erlaubt, ist angesichts ihres umfassenden Anspruchs bedauerlich - zumal gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Künstler wie Richard Long das Wandern nicht nur zum Motiv, sondern zum Bestandteil ihrer Kunst gemacht haben.

Silke Hennig, kulturradio