Bestandsaufnahme Gurlitt: Ein Koffer des ehemaligen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt © Ralf Hirschberger/dpa
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Gropius-Bau - "Bestandsaufnahme Gurlitt – ein Kunsthändler im Nationalsozialismus"

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Der so genannte "Schwabinger Kunstfund" sorgte 2013 für Aufregung: In der Wohnung von Cornelius Gurlitt fand man mehr als 1.200 Kunstwerke. Alles NS-Raubkunst?  

Fast fünf Jahre ist es her, dass der "Kunstfund" im Münchner Stadtteil Schwabing weltweit Schlagzeilen machte: In der Wohnung von Cornelius Gurlitt – später noch in seinem Haus in Salzburg – waren über 1500 Kunstwerke gefunden worden: Die Hinterlassenschaft seines Vaters Hildebrand Gurlitt, einem der vier "privilegierten Kunsthändler", die die sogenannte "entartete Kunst", die die Nationalsozialisten 1937/38 aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmten, ins Ausland verkaufen sollten. Dass ein Teil des selbst Fachleuten unbekannten "Kunstschatz" im Besitz seines Sohnes aus dieser Beschlagnahme-Aktion stammte, stellte sich schnell heraus.

Das eigentliche Sensationspotential des Schwabinger Kunstfunds aber rührte daher, dass darin auch ein erheblicher Anteil Raubkunst vermutet wurde: Kunstgegenstände, die zwischen 1933 und '45 "verfolgungsbedingt entzogen" wurden, d.h. von ihren (in aller Regel jüdischen) Eigentümern unter Druck und weit unter Wert verkauft werden mussten, oder bei deren Flucht oder Deportation ins Ausland mit sämtlicher Habe an den Staat fielen.

Der 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt hatte eingewilligt, die Herkunft seiner Kunstsammlung erforschen zu lassen – inwieweit er dies unter dem Druck der Behörden tat und ob die Beschlagnahmung seiner Kunstsammlung überhaupt rechtmäßig war, ist gegenwärtig Gegenstand detaillierter parlamentarischer Anfragen an die bayerische Landes- und die Bundesregierung.  

Nichts davon allerdings findet Erwähnung in der ‚Bestandsaufnahme Gurlitt' im Martin Gropius Bau, die sich ganz darauf konzentriert, über die Rolle der Kunst im Nationalsozialismus, über den NS-Kunstraub, seine Mechanismen und die Verflechtungen des Kunsthandels aufzuklären. Sie führt die beiden Ausstellungen zusammen, die unter derselben Überschrift bereits im November vergangenen Jahres in Bonn und in Bern den "Fall Gurlitt" beleuchteten.

In der Bundeskunsthalle in Bonn stand damals der Komplex "Raubkunst" im Mittelpunkt. Das "Damenporträt" von Thomas Couture aus dem 19.Jahrhundert, das damals kurz vor der Ausstellungseröffnung als Raubkunst identifiziert wurde, dient jetzt in Berlin als Beispiel, um die Schwierigkeiten der Provenienzforschung anschaulich zu machen: Denn die Zuordnung zur Sammlung des ermordeten jüdischen Politikers George Mandel war nur möglich durch eine kleine Notiz, der zufolge das Damenporträt von Couture, das Mandel gehörte, ein repariertes Loch auf Brusthöhe hatte – genau wie das Bildnis, das bei Cornelius Gurlitt gefunden wurde

Bestandsaufnahme Gurlitt © Ralf Hirschberger/dpa
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Alles Raubkunst?

Im Kunstmuseum Bern dagegen, das Gurlitt zum Alleinerben bestimmt hat, wurde der Teil des Konvoluts gezeigt, der der Beschlagnahme-Aktion "Entartete Kunst" zugeordnet werden kann, d.h. Kunst, die die Nazis aus öffentlichen Sammlungen entfernen ließen und wo es keine Rückgabe-Ansprüche gibt.

Für alle Werke, bei denen solche Ansprüche nicht ausgeschlossen werden konnten, hat die Bundesrepublik Deutschland die Herkunfts-Erforschung übernommen. Den gegenwärtigen Kenntnisstand lässt die Ausstellung im Gropius Bau allerdings nur vage erkennen. Dass fast 90% aller bislang untersuchten Kunstwerke nicht eindeutig geklärt werden konnten, man also nicht sicher ist, ob es sich um Raubkunst handelt oder nicht, erfährt man besser auf der Webseite des "Projekts Provenienzrecherche Gurlitt" (auch dafür immerhin stellt die Ausstellung Arbeitsplätze bereit). Zu den bisherigen sechs gesicherten Raubkunstfällen kamen unmittelbar vor Ausstellungseröffnung vier weitere hinzu: Kleinformatige Zeichnungen des 18.Jahrhunderts, die sich allerdings im Nachlass von Cornelius Gurlitts Schwester Benita befanden. Rechtmäßige Eigentümer sind die Nachfahren der französisch-jüdischen Familie Deutsch de la Meurthe

Heikle Fragen werden ausgeklammert

Ihre Familiengeschichte (nur die jüngste Tochter überlebte den Holocaust) ist eine von mehreren "Opfer-Biographien", die diese "Bestandsaufnahme Gurlitt" stärker in den Blick rückt als die vorangegangenen Ausstellungen. Überhaupt wird hier ein anderer Akzent gesetzt: Cornelius und Hildebrand Gurlitt rücken in den Hintergrund, dienen eher als Aufhänger für einen allgemeineren Überblick, wie der Kunstraub im "Dritten Reich" vor sich ging. Zwar steht auch hier am Ausstellungsanfang der Koffer von Cornelius Gurlitt, in dem die Fahnder damals zahlreiche grafische Blätter von Liebermann, Picasso usw. fanden. Aber wer etwas über Gurlitt selbst erfahren will, muss hinter der Wand suchen, vor der dieser Koffer liegt. Von der laufenden Debatte um den Umgang mit dem alten Mann will die Ausstellung erkennbar Abstand halten.

So werden einige heikle Fragen zu Konsequenzen aus dem Fall Gurlitt ausgeklammert. Die Komplexität des Themas Raubkunst und wie wir noch heute über solche "Hinterlassenschaften", über Kunst und Kunsthandel mit dem "Zivilisationsbruch" zwischen 1933 und 45 verstrickt sind, wird dennoch mehr als deutlich.

Silke Hennig, kulturradio

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