Eduardo Paolozzi: Pop Art Redefined (Lots of Pictures – Lots of Fun), 1971; © Trustees of the Paolozzi Foundation, Licensed by/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Berlinische Galerie
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Berlinische Galerie - Lots of Pictures – Lots of Fun

Er bahnte der britischen Pop Art den Weg, Eduardo Paolozzi. In der Ausstellung "Lots of Pictures – Lots of Fun" zeigt die Berlinische Galerie experimentelle Werke des Künstlers aus den 1940er bis 1970er Jahren und bezieht dabei den prägenden Berlin-Aufenthalt 1974/75 mit ein.

Wäre eine solche Karriere heute noch möglich? Der Bildhauer und Grafiker Eduardo Paolozzi, geboren 1924 in Edinburgh als Sohn italienischer Einwanderer, gilt als Wegbereiter der britischen PopArt. Doch die Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt, wie vielgestaltig sein Schaffen und wie wenig davon mit diesem 'Label' erfasst ist.

Sie konzentriert sich ganz auf die kreativsten Jahre des Künstlers: Von seinen Anfängen, Ende der 40er Jahre, als er sich in Paris mit Picasso und der surrealistischen Phase Giacomettis (den er auch selbst dort kennenlernte) auseinandersetzte, bis Mitte der 70er Jahre, als Paolozzi auf Einladung des DAAD ein Jahr in Berlin verbrachte, auf der Suche nach einer Weiterentwicklung in seinem Werk.

Eduardo Paolozzi: Bunk: Vogue Gorilla with Miss Harper, 1950−1972; © Trustees of the Paolozzi Foundation, Licensed by/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Eduardo Paolozzi, Bunk: Vogue Gorilla with Miss Harper, 1950−1972; © Trustees of the Paolozzi Foundation, Licensed by/VG Bild-Kunst, Bonn 2018 | Bild: Berlinische Galerie

Immer wieder neue Stile

Ein riesenhaft vergrößertes Foto zeigt sein damaliges Atelier am Kottbusser Damm: Ein langgestreckter Raum voller Materialien und 'Bau-Elementen' auf Boden und Tischen – ähnlich einem gigantischen Setzkasten. Der Spieltrieb, die Neugier, wie durch immer andere Kombinationen Neues entstehen kann, erscheint ein wesentlicher Faktor im Schaffen Paolozzis.

Als Bildhauer arbeitet er zunächst figürlich. Aber ihn interessieren Maschinen, Roboter. Beim Versuch, die moderne industrielle Konsumwelt nach dem Krieg zu erfassen, verwandelt er Köpfe und Figuren allmählich zu Maschinen-artigen Gebilden. Aus Wachsplatten mit Abdrücken verschiedener Oberflächen und Fundstücken montiert er Plastiken, die – in Bronze gegossen – irgendwo zwischen Figur und Architektur stehen.

Einflüsse der Art Brut weichen dann einer zunehmenden Abstraktion. Gleiche oder ähnliche Bau-Elemente (aus Aluminium z. B.) addiert er in den 60er Jahren zu frei stehenden Plastiken und Reliefs, die an Minimal Art erinnern, aber nie so industriell und kühl wirken. Statt eines typischen Stils entwickelt Paolozzi immer wieder neue. 

Radikaler Surrealist

Das gilt auch für sein graphisches Werk. Auch hier montiert er Motive aus der Werbung, aus Zeitschriften und Comics – zunächst in Collagen, später entwickelt er auf ähnlich additive Weise große Siebdruck-Serien. Das Prinzip der Collage erscheint ihm als perfekte Entsprechung der Gegenwart.

Mit PopArt dagegen verbindet ihn wenig – auch wenn seine frühe Collage-Serie 'Bunk' (1952) als deren Initialzündung gilt. Stattdessen begreift sich Paolozzi eher als 'radikalen Surrealisten'. Das Surreale entspringt bei ihm allerdings nicht mehr dem Unbewussten, sondern ist draussen in der Welt zu finden, wie der Künstler in einem Interview formulierte:"... man sieht in einer Bar in San Francisco im Fernsehen die Apollo-Rakete abheben und geht dann um die Ecke, um sich die Schuhe von einer halbnackten Schuhputzerin polieren zu lassen."

Es ist dieses "ironische Nebeneinander", wie Paolozzi meint, das er auf unterschiedlichste Arten einzufangen versucht – in einem Pluralismus der Formen und stilistischen Ausprägungen, der heute, wo Künstler als 'Marke' vermarktbar sein müssen, wohl kaum mehr eine solche Karriere zuließe. 

Silke Hennig, kulturradio