Überparteilicher Aufruf zur Wahl der Nationalversammlung, 1919; © Deutsches Historisches Museum, VG Bild-Kunst
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Deutsches Historisches Museum - "Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie"

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Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um die Krise unserer Demokratie beleuchtet die Ausstellung "Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie" den Abschnitt der deutschen Geschichte (von 1918 bis 1933), in dem erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland bestand. Die Tatkraft, mit der Demokratinnen und Demokraten ans Werk gingen, ist bis heute beeindruckend.

In heutigen Zeiten des Umbruchs, des sozialen Wandels, globaler Veränderungen erstarken in vielen Ländern Strömungen an den politischen Rändern – viele sehen die liberale Demokratie selbst in Ländern mit jahrhunderte alter politischer Tradition nicht mehr als selbstverständlich an. Vielmehr als ernsthaft gefährdet.

Und in Deutschland mahnen hier viele vor Parallelen zur Weimarer Republik und ihrem Scheitern. 100 Jahre nach der Gründung dieser ersten deutschen Demokratie, den ersten freien allgemeinen Wahlen zur Nationalversammlung, erinnert nun das Deutsche Historische Museum an diese Gründerjahre der Demokratie. Im Zentrum einer Veranstaltungsreihe steht eine zentrale Ausstellung mit dem Titel: "Weimar – vom Wesen und Wert der Demokratie"

Arbeitslosendemonstration Karl Holtz, Deutschland, 1920
Bild: Deutsches Historisches Museum

"Zensur findet nicht statt"

Warum ist die Demokratie besser als andere Staatsformen? Was ist Demokratie überhaupt? Was macht sie aus?

Diese Fragen griff der Staatsrechtler Hans Kelsen 1920 in seiner Schrift "Vom Wesen und Wert Demokratie" auf – eine Schrift, die Titelgebend ist für die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die eben diesen von Kelsen formulierten Fragen nachgeht.

In einer offenen, Gerüstartigen Architektur zeigt man zahlreiche Objekte, Gemälde, Schriften. Unter anderem Vorderlader und Dolche – übrig geblieben vom Straßenkampf, in dem das Ringen um das "Ob und Wie" der Demokratie anfangs brachial kulminierte.

Dazu Wahlplakate, mit denen die Parteien für die Wahlen zur Nationalversammlung warben, die 1919 in Weimar zusammentrat. Fotografien von Frauen, die in langen Schlangen vor Wahllokalen warteten, um erstmals ihre Stimme abzugeben.

So geht es eingangs der Ausstellung um die Gründerjahre der Weimarer Demokratie – und es geht darum klarzustellen, dass mit ihrem Ende 1933 nicht alles verloren gegangen ist, was sie ausmachte. Hängt doch gleich hinter dem Eingang die Reproduktion des Regierungsprogramms des Rats der Volksbeauftragten als provisorische Regierung. "Zensur findet nicht statt" steht dort unter anderem – genauso wie es bis heute in Artikel 5 zur Meinungsfreiheit im Grundgesetz steht.

Errungenschaften

So schaut man hier weniger auf das Scheitern, vielmehr auch auf die Errungenschaften, ja die Visionen der Weimarer Republik. Zum Beispiel was den Neubau von dringend benötigten Wohnungen angeht: Das Neue Bauen, beeinflusst von der pragmatisch rationalen Bauhaus Architektur ist Thema – die Frankfurter Römersiedlung ist auf Fotos zu sehen, eine Frankfurter Küche ist aufgebaut als Vorläufer der heutigen Einbauküche.

Sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung als weitere Errungenschaften der jungen Demokratie werden bebildert, genauso wie der Gendergrenzen überschreitende kulturelle Aufbruchsgeist, der sich mit dem neuen Freiheitsbegriff Bahn brach.

So entdeckt man ein farbenfrohes Plakat für das "Lila Lied", das zur ersten Hymne der Schwulenbewegung wurde. Und die Erlaubnis der Polizei für Erna Ketterer, in Männerkleidern auftreten zu dürfen – in einer der ersten Travestieshows.

Themen der Weimarer Demokratie nicht nur historisch

Doch es geht im Deutschen Historischen Museum durchaus auch um das Potential zum Scheitern, das Ringen um Kompromisse, die Hans Kelsen als Grundlage der Demokratie sieht.

So beschloß man 1927 über Parteigrenzen hinweg die Arbeitslosenversicherung, scheiterte mit der Reform letztendlich aber an den im Zuge der Weltwirtschaftskrise rapide steigenden Arbeitslosenquoten.

So ist es eine komplexe, dicht bestückte Ausstellung, für die man sich Zeit nehmen muß, um dann immer wieder die Entdeckung zu machen, dass die Themen der Weimarer Demokratie nicht nur historisch, sondern sehr heutig sind. Geht es doch in der Rückschau etwa um Millionenschwere, teils illegale Rüstungsgeschäfte auf der einen – um hungernde Kinder auf der anderen Seite. Dokumentiert ist auch die heftige Debatte um die Enteignung der Fürsten und etwaige Ausgleichszahlungen.

Und heute? Diskutieren wir wiederum um hohe Rüstungsausgaben, fordert eine Berliner Initiative die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften, um den Wohnungsmarkt mit den exorbitant steigenden Mieten zu regulieren.

Beeindruckend bekommt man aktuelle Bezüge vor allem auch im kulturellen Bereich vor Augen geführt, wenn man sieht, wie Künstler und Künstlerinnen damals zwischen Gendergrenzen agierten, sich kulturelle Freiheiten nahmen, ja eroberten. Freiheiten, von denen viele heute selbstverständlich sind, selbstverständlich sein sollten – und die doch von dumpfen Parolen in Frage gestellt werden.

So ist diese Schau ein historisch bebilderter Rückblick auf die Weimarer Demokratie, der weit mehr ist als eine angestaubte Geschichtsstunde.

Barbara Wiegand, kulturradio