Sylvia Roth: Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide; Montage: rbb
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Romanbiografie - Sylvia Roth: "Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide"

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Wenn Berlin in den Zwanzigerjahren eine Stimme hatte, dann die von Claire Waldoff.

Frech, laut und geradeaus sang sie mit einer heute schwer erträglichen Berliner Schnauze. Sylvia Roth porträtiert in ihrer Romanbiografie die Frau hinter den nassforschen Liedern.

Das Leben der 1884 in Gelsenkirchen geborenen Claire Waldoff war bis zu ihrem Tod 1957 von historischen Umbrüchen und Katastrophen geprägt. Ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel und zwei Weltkriege trugen zu ihrem schnellen Aufstieg in Berlin, aber auch zu ihrem Ende in Armut bei.

Glück, harte Arbeit und viele Freunde von Rudolf Nelson bis Kurt Tucholsky brachten ihr eine ungeahnte Popularität ein, die selbst von den Nazis kaum zu brechen war. Leider hat Claire Waldoff keine ausführliche Autobiografie geschrieben, so dass Autoren, die ihr Leben beschreiben wollen, auf sekundäre Quellen angewiesen sind.

Gang durch die Geschichte

Die Autorin Sylvia Roth erklärt selbst, es handele sich bei ihrem Buch weder um einen Roman noch um eine Biografie. Es sei einfach eine Lebensgeschichte, die die historischen Lücken mit "zeitgeschichtlich unterfütterter Imagination" füllt.

Dass sie die beeindruckende Literaturliste im Anhang durchgearbeitet hat, merkt man auf jeder Seite. So ist der Weg durch das Leben von Claire Waldoff auch ein Gang durch die Geschichte. Politische, soziale und vor allem künstlerische Entwicklungen werden anschaulich umrissen.

Deutliche Kunstgriffe

Um die Person von Claire Waldoff zu zeichnen, wendet die Autorin einige deutliche Kunstgriffe an. So lässt sie die Sängerin selbst immer wieder Rückschau halten und ihr Leben in Beziehung zu einer sich drehenden Grammofonplatte betrachten. Leitmotivisch setzt sie auch den Blick aus dem halb zugekniffenen rechten Auge ein, wenn es darum geht, eine Innensicht zu beschreiben.

Außerdem wirft sie gerne Berliner Sprachwendungen wie "ruff und runta!" ein, um zu kolorieren. Besonders gelungen ist die Einbindung von Originaldokumenten, Briefen, Liedtexten und Kritiken. Die zur Verlebendigung eingesetzten Dialoge wirken dagegen oft angestrengt wie aus einem Kinderbuch.

Hellsichtige Lebensbeschreibung

Der Untertitel "Ein Kerl wie Samt und Seide" stammt eigentlich von Heinrich Zille, der eine der lebendigsten Gestalten in diesem Buch ist und der so den schwer zu fassenden Charakter von Claire Waldoff auf den Punkt bringt.

Diesen Zugriff hätte man auch der Autorin gewünscht. Ihre erzählerischen Kniffe kommen der Persönlichkeit der Berliner Volkssängerin nie wirklich nah. Aber eben auch nicht zu nah. Denn dass Sylvia Roth der Versuchung widersteht, hier zu psychologisieren, ist eine der Stärken dieser hellsichtigen und perspektivreichen Lebensbeschreibung.

Dirk Hühner, kulturradio

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