Martin Aust: "Die Russische Revolution" (Cover: C.H. Beck) und Stefan Bollinger: "Oktoberrevolution" (Cover: Edition Ost); Montage: rbb
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Sachbuch - Martin Aust: "Die Russische Revolution" | Stefan Bollinger: "Oktoberrevolution"

Bewertung:

Es war die wohl folgenreichste Revolution der Menschheitsgeschichte. In einer wahren Schwemme von Veröffentlichungen zur russischen Oktoberrevolution vor 100 Jahren hat Salli Sallmann zwei unterschiedliche Bewertungsansätze gefunden.

Die russische Oktoberrevolution hat den Verlauf des  20. Jahrhunderts so maßgeblich geprägt wie sonst nichts, außer vielleicht das Ende des Zweiten Weltkrieges.  Die Auswirkungskraft der Oktoberrevolution war aber noch  größer und weiterreichender. Die Oktoberrevolution veränderte in einem Teil der Welt die Besitzverhältnisse und schuf damit eine bipolare Welt.

Ohne Oktoberrevolution ist kein jahrzehntelanger kalter Krieg erklärbar, sind keine nationalen Befreiungs-Bewegungen der sogenannten dritten Welt verstehbar, das russische Beispiel beförderte das Ende des Kolonialismus.  In einer so verstandenen Betrachtungsweise  ist der Blick auf die Ursachen wie auf die Folgen und Konsequenzen der russischen Oktoberrevolution eigentlich für Geschichtsinteressierte entscheidend für das Verständnis des 20. Jahrhunderts.

Und, last but not least: die Entwicklung der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft in Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg, die Ausrufung des "sozialdemokratischen Jahrhunderts" war eine direkte Folge der Angst vor dem bis an die Elbe vorgerückten kommunistischen Sozialismusversuch.

Was sind die Unterschiede in den Erklärungs-Ansätzen zur Oktoberrevolution zwischen den beiden Büchern?

Martin Austs Buch widmet sich vor allem der Vorgeschichte der Revolutionen von 1917, es gab ja die Oktober - und vorher die Februarrevolution. Sein Buch zeigt uns die Hintergründe der revolutionären Entwicklungen im alten Zarenreich, es benennt die sozialen und nationalen Verwerfungen, die ihre volle Sprengkraft dann im Chaos des Ersten Weltkriegs entfalteten. Oft wird ja gesagt, die Oktoberrevolution als soziale Revolution sei gescheitert an der Unterentwicklung der russischen damaligen Gesellschaft.

Martin Austs Buch sagt nun, gerade aufgrund der unterentwickelten explosiven Zustände in alten Russland musste es dort zur Revolution kommen, die ja für sich genommen erst einmal  äußerst erfolgreich war, für die Bolschewiki.

Das Buch von Stefan Bollinger macht etwas anderes, es analysiert dezidiert die Vorgänge  in der Revolution, es beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Auswirkungen der Oktoberrevolution bis in die Gegenwart und stellt Fragen an die sozialistische, auch kommunistische  Bewegung, und zwar von einem marxistischen, aber nichtstalinistischen Standpunkt aus.

Beide Bücher teilen sich sozusagen die Darstellungs-und Interpretations-Arbeit, die Analyse der Gründe für die Oktoberrevolution ist ja genauso wichtig für das Verständnis wie die Darstellung des Ablaufs der Geschehnisse im Bollinger-Buch. Und wenn es auch nicht die "große sozialistische  Oktoberrevolution" war, wie die Kommunisten früher sagten, sondern eben eher ein Putsch, so sind doch die dann folgenden Auswirkungen wahrhaft revolutionär gewesen, was die Änderung der Besitzverhältnisse betraf, ob man will oder nicht.

Unterschiede

Unterschiedlich sind die historischen Beurteilungen in beiden Büchern. Für die gängige Mehrheitsmeinung im Westen ist das Jahr 1917 nur der Beginn einer glücklicherweise gescheiterten kommunistischen unterdrückerischen Geschichts-Episode, für den Marxist Bollinger hingegen besteht eine Art historischer Schock der Ambivalenz  zwischen 70jährigen sozialem und wirtschaftlichem Bemühen und der Last der im Namen dieser Ordnung begangenen Verbrechen und deren Ursachen. Während uns Martin Aust die quasi-Arbeitsteilung zwischen russischer Februar-und-Oktoberrevolution erklärt, erläutert Bollinger wiederum die Entschlossenheit der Bolschewiki 1917 aus der gescheiterten russischen Revolution von 1905. 

Als Marxist liefert er aber auch faszinierende weitergehende Fragen und Überlegungen, etwa, ob mit der Reformunfähigkeit des sowj. Staatssozialismus und seinem Scheitern wirklich auf alle Zeit jegliche Utopie einer gerechteren Gesellschaft als Weg in Terror und Unterdrückung denunziert werden kann. Und damit stellt Bollinger, ausgehend von eben jener Oktoberrevolution, eine entscheidende Frage für die heutige Gesellschaft.

Salli Sallmann, kulturradio

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