Birgit Lahann: Nietzsche © Dietz
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Biografie - Birgit Lahann: "Nietzsche"

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Gipfelhöhen und Abgründe - Birgit Lahann und die Fotografin Ute Mahler haben sich für ihr Bild-Text-Porträt an die Originalschauplätze des Lebens des Philosophen Friedrich Nitzsche begeben.

"Ja, er kann schreiben, kann formulieren, frech und frühlingshaft, weich und wahnsinnig. Und denken kann er. Denken ist für Nietzsche die wildeste Ausschweifung seines Lebens. Denken ist Liebe, ist Luxus, Wollust." So klingt er, der vorwärtstreibende Sound, den die Journalistin und Autorin Birgit Lahann in "Nietzsche. Ich bin Dynamit" anschlägt. Sie hebt an mit jener erratischen Szene in Turin im Dezember 1889: Friedrich Nietzsche, der noch nicht sehr berühmte Autor des "Zarathustra", in dem der Übermensch verkündet wird, umarmt vor Mitleid schluchzend ein Pferd.

Allerdings verschweigt Lahann, dass der Vorfall, der anfangs nur mündlich überliefert wurde, so womöglich niemals stattgefunden hat. Sie suggeriert vielmehr, ganz dicht dran zu sein; hautnah und bis unter die Haut; bis in die Gedanken der Leute hinein, bei denen Nietzsche in Turin gewohnt hat. Und nicht weniger bis in Nietzsches eigene Gedanken, die sie manchmal sogar in der Form eines inneren Monologs darbietet. Das ist, bei aller Begeisterung für Lahanns Begeisterung, ein Problem. Ihre forsche, auf Wirkung, insbesondere auf Sog-Wirkung angelegte, Attitüde hat bisweilen etwas Ranschmeißerisches, In-Dezentes, Allzu-Joviales.

Gehobene Poesie-Album-Atmosphäre

Die Ordnung des Buches klar: Lahann breitet Nietzsches Leben in 24 Kurzkapiteln aus, die abzüglich des Eingangskapitel der Chronologie folgen. Hinzu kommen Fotos von Ute Mahler, mit der Lahann für die gemeinsame Arbeit im Übrigen die maßgeblichen Orte und Plätze in Nietzsches Leben besucht hat. In Mahlers Fotos mischen sich die Stile: Fotoreportage, Kunst- und Architektur-Fotografie, Stimmungs-Fotografie. Ganz überwiegend präsentiert Mahler Motive, die Nietzsche so oder ähnlich gesehen haben könnte – blendet die Gegenwart dabei jedoch nicht rigoros aus: Im Hofgarten der Bonner Universität etwa halten sich Studenten auf; und der Couma-See, den Nietzsche als kleines Badeparadies geschätzt hat, ist offenbar bis heute beliebt.

Weil unter allen Fotos jeweils Nietzsche-Zitate stehen, verbreitet das Arrangement manchmal gehobene Poesie-Album-Atmosphäre. Aber keine Frage, die Fotos bereichern das Buch und wirken im Kontrast zum Text oft beruhigend. Der wiederum schließt die Gegenwart ganz aus. Anders als Mahler nähert sich Lahann Nietzsches Leben niemals von heute aus an.

Weil sie andererseits aber über den Denker, der 1844 geboren wurde, so forsch und flott, vertraut und gut gelaunt schreibt wie über irgendeinen genial begabten Zeitgenossen, ist von den anderthalb Jahrhunderten, die zwischen ihm und uns liegen, arg wenig zu spüren.

Nicht immer aktuell

Philosophie und Philosophie-Geschichte gehören nicht zu den Fachgebieten Lahanns. Ihr Porträt bietet keine Einführung in Nietzsches Werk. Aber das spricht nicht gegen ihren Nietzsche. Lahann konkurriert gar nicht mit Karl Jaspers, Giorgio Colli, Rüdiger Safranski und anderen, die Nietzsches Denken porträtiert haben.

Ihr Augenmerk gilt dem Leben, dem Charakter, dem jungen Übermütigen und dem ewigen Kranken, seinen Reisen, seinen niemals einfachen Frauengeschichten, allen voran mit der schön klugen Lou Andreas-Salomé; es gilt seinen Freundschaften, natürlich mit Richard Wagner, seinem nachmaligen Intim-Feind, mit dem Altphilologen Erwin Rhode und mit dem Kirchenhistoriker Franz Overbeck; gilt der fatalen Schwester Elisabeth, die nach seinem Tod zur größten Fälscherin seiner Werke wurde. Und immer – immer, immer – feiert Lahann in erlesenen Zitaten Nietzsche als größte deutsche Sprachbegabung aller Zeiten. Das muss nicht falsch sein, nur weil es nicht originell ist.

Licht und Schatten

Und was ist mit Nietzsche als dem ungefragtem Stichwortgeber der Nationalsozialisten? Lahann  verschweigt nicht, dass da einiges vorliegt. Aber sie problematisiert es nicht. Sie schreibt stets im Reinwaschungs-Modus und verwendet dabei eine Strategie, die bei Nietzsche immer funktioniert: Sie zitiert genau solche Stellen, die der Nazi-Denke eklatant widersprechen; was dagegen ganz gut zum Braunen passt oder zu passen scheint, lässt sie weg.

Sie nutzt stillschweigend aus, dass Nietzsche, bei dem wildes Denken und sprachlicher Ausdruck unzertrennlich waren, über fast alles irgendwann auch das Gegenteil gesagt hat. Kurz: Sie rückt Nietzsche ins Licht, der Schatten interessiert sie nicht.

Gipfelhöhen und Abgründe

Wer wissenschaftliche Kriterien an "Nietzsche" anlegt, wird die Stirn runzeln. Wer das unerhörte Unikum Nietzsche noch kaum kennt, kann trotzdem profitieren. Lahann ist eine Hingerissene, die mitreißen kann. Während sie den Gipfelhöhen und Abgründen in Nietzsches Denken ausweicht, nimmt sie den Rhythmus seines Lebens ganz ordentlich auf. Und sie überträgt die ekstatische Sprachseligkeit Nietzsches. Man kapiert gründlich, warum er in charakteristischer Bescheidenheit von sich gesagt hat: "Ich bin Dynamit."

Arno Orzessek, kulturradio

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