Giorgio van Straten: "Das Buch der verlorenen Bücher"
Bild: Insel; Montage: rbb

Belletristik - Giorgio van Straten: "Das Buch der verlorenen Bücher"

Acht Manuskripte, die verloren, verbrannt, für immer verschwunden sind. Taschen spie­len eine große Rolle und Feuer, es geht um besorgte Erben,
Zensur und Selbstzensur.

Der Autor ist Leiter des italienischen Kulturinstituts in New York, Übersetzer, Herausgeber einer Literaturzeitschrift. Er schreibt selber Romane. Vor allem aber ist er Leser. Und in dieser Eigenschaft ist er neugierig, entsetzt und traurig,  was ihm an Lektüre vorenthalten wurde. Sieben Meisterwerke, die er nie lesen wird.

Den Anfang in diesem Band, der sich nicht an Spezialisten richtet, macht nämlich ein italienischer Schriftsteller, den van Straten selber kannte und schätzte: Romano Bilenchi. Nach dessen Tod hatte die Witwe ihm den Nachlass gezeigt, er konnte einen unvollendeten Roman, geschrieben in den 1950er Jahren, lesen. "Diese Lektüre war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben." Die Witwe hatte sich jedoch später entschlossen, das Manuskript und viele Briefe zu vernichten, alle Fotokopien zurück zu fordern. Sie war der festen Überzeugung, ihr Mann hätte eine Veröffentlichung nicht gewollt.

Verlorenen Texte von Plath, Byron und Co.

Giorgio van Straten stellt diese Geschichte seinen literarhistorischen Recherchen voran, denn die sieben anderen Manuskripte wird er nie lesen können. Die skandalösen Me­moi­ren Lord Byrons etwa, die seine Halbschwester und sein Nachlassverwalter ver­brann­ten, weil sie um den eigenen Ruf fürchteten und (1824) auf keinen Fall wollten, dass die Homosexualität des Dich­ters ruchbar wurde. Oder die Erzählungen des jungen Ernest Hemingway, die seiner Frau im Bahnabteil gestohlen wurden.

Nikolai Gogol hat den zweiten Teil der "Toten See­len" selber verbrannt, weil er den ei­ge­nen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Malcolm Lowry arbeitete angeblich fast ein Jahr­zehnt an einem Roman, der in seiner Hütte in British Columbia in den Flammen aufge­gan­gen sein soll, auch wenn immer wieder Hinweise auf den Verbleib des über 1000 Sei­ten umfassenden Manu­skripts auftauchen. Der Roman, an dem die Dichterin Sylvia Plath kurz vor ihrem Selbstmord 1962 arbeite, von dem ihr Mann, der Dichter Ted Hughes später behauptete, er sei verloren gegangen, könnte sich aber vielleicht doch in dem - bis 1922 verschlossenen - Nach­lass befinden.

In diesem "Buch der verlorenen Bücher" geht es auch um die traurigen Geschichten von Bruno Schulz und Walter Benjamin, deren Manuskripte verloren gingen, weil sie selber den Nazis zum Opfer fielen.

Gründe für den Verlust

Ganz ohne Fachjargon, leicht und voller Empathie geschrieben, entwirft der Autor Schrift­­steller-Biographien, erzählt Geschichten aus der Welt der Literatur, erörtert - ohne zu urteilen –, die Gründe, die dazu führten, warum die vermeintlichen Meister­werke nicht mehr da sind. Ernest Hemingway schrieb 1961, also viele Jahre nach dem Verlust seines Frühwerks: "Manche sagen, beim Schreiben kannst du nie etwas besitzen, ehe du es weggegeben hast oder in der Eile hast wegwerfen müssen. In viel späteren Zeiten als denen dieser Geschichten aus Paris magst du es erst wiederbekommen, wenn du es für fiktiv erklärst, und dann musst du es vielleicht wegwerfen, oder es wird dir wieder gestohlen."

Manuela Reichart, kulturradio

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