Jeanette Erazo Heufelder: Der argentinische Krösus; Montage: rbb
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Sachbuch - Jeanette Erazo Heufelder: "Der argentinische Krösus"

Bewertung:

Das es zur Verwirklichung guter Ideen manchmal auch Geld braucht, kann als Binsenwahrheit gelten. Mitunter ist man dennoch überrascht, wie beides ineinander geht.

Ein bislang nicht erforschtes Kapitel kreist um die Geschichte des berühmten Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Stichwort Horkheimer und Adorno, und dessen wirtschaftliche Basis. Ein Buch, das ich mit ganz außerordentlichem Gewinn gelesen habe! Und das hat mit zwei Aspekten zu tun, die hier verknüpft werden.

Die Autorin Jeanette Erazo Heufelder erzählt mit der ganz erstaunlichen Lebensgeschichte des Felix Weil, das ist der argentinische Krösus, reicher Erbe jüdischer Auswanderer, zugleich, woher das berühmte Frankfurter Institut für Sozialforschung seit seiner Gründung in den Zwanzigerjahren und bis zum Weltruhm nach 1945 seine finanziellen Mittel her hatte. Das ist faszinierend zu lesen, um am Ende zu begreifen, wie großes menschliches und finanzielles Engagement gepaart mit großem taktischem Geschick in historisch schwierigen Zeiten das Schicksal der Frankfurter Schule bestimmte.

Der sogenannte argentinische Krösus war Felix Weil, heroisch betrachtet könnte man ihn als einen Millionär mit sozialistischen Visionen bezeichnen, aber damit springt man zu kurz. Geboren 1898 in Buenos Aires ist er der Sohn eines aus  Baden-Württemberg stammenden jüdischen Kaufmanns. Der zieht nach Argentinien und erwirbt mit Weizenhandel ein atemberaubendes Vermögen.

Sein Sohn Felix Weil soll später Generaldirektor dieses Unternehmens werden. Die Familie kehrt dann 1909 nach Deutschland, nach Frankfurt zurück, wo der Sohn Abitur macht und danach Volkswirtschaft studieren wird. Dafür schreibt er sich in Tübingen ein, denn dort hält der Wirtschaftswissenschaftler Robert Wilbrandt Vorlesungen über Marxismus.

Ein ziemlicher Coup

Damit kommen wir zur "Kleinen Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule", so der Untertitel des Buches. Gegründet 1923, zunächst als Gesellschaft für Sozialforschung, wurde das Institut an die Frankfurter Universität angedockt. Damit erhielt es universitäre Anerkennung, war aber zugleich inhaltlich und finanziell unabhängig. Ein ziemlicher Coup! Es erhielt ein eigenes Gebäude, eigene Professuren und Forschungsschwerpunkte, eine eigene Bibliothek und widmete sich im weitesten Sinne der marxistischen Theorie.

Die Gründer haben sehr geschickt und mit großer Weitsicht dieses Konstrukt gestrickt und Felix Weil hat daran großen Anteil, sowohl strategisch, vor allem aber finanziell. Die Autorin schildert in ihrem Buch eine Szene von der feierlichen Gründungsveranstaltung mit allen Honoratioren der Universität. Mit der Eröffnungsrede des ersten Institutsdirektors Carl Grünberg erst begreifen diese, dass ihnen einem Kuckucksei gleich ein marxistisches Institut untergejubelt worden war, das sie so natürlich nie hätten haben wollen.

Das Geld kam also aus dem Familienvermögen von Felix Weil, der seine Rolle im Institut aber durchaus nicht nur als Finanzier sah, sondern auch mit eigenen Forschungen einsteigen wollte – dies viel lieber, als die Weizengeschäfte durch schwere Zeiten zu bringen. Das wird am Ende ein tragischer Strang seines Lebens werden, denn diese Zerrissenheit zwischen der ihm übertragenen Verantwortung für das Wirtschaftsimperium und seinen wissenschaftlichen Ambitionen bleibt ihm lebenslang erhalten.

Vom Main an den Pazifik – und zurück

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung musste dann vor den Nazis fliehen, zunächst nach New York, dann nach Kalifornien. 1950 kehrte es nach Frankfurt zurück. Felix Weil blieb zunächst in Kalifornien, aber dem Institut weiterhin in jeder Beziehung verbunden. Mit Theodor Adorno und Max Horkheimer an der Spitze begann in dieser Zeit der eigentliche Weltruhm des Instituts.

Weil hatte am Ende seines Lebens, trotz wirtschaftlichem Geschicks, alles Geld ausgegeben. 1973, zwei Jahre vor seinem Tod, schrieb er einen Brief an Wieland Herzfelde in Ostberlin. Man kannte sich gut, schließlich war Weil in den Dreißigerjahren der Hauptaktionär von Herzfeldes Malik-Verlag. Felix Weil informierte den Verleger darüber, dass er Geld brauche und aus diesem Grunde sein von Georg Grosz gemaltes Porträt verkaufen wolle. Der Verkauf wurde vollzogen, das Porträt befindet sich heute im Los Angeles County Museum of Art. Es ziert allerdings auch den Einband dieses überaus detailreich und anschaulich geschriebenen Buches.

Jeanette Erazo Heufelder ist da etwas ganz Bemerkenswertes gelungen. Sie hat einen bislang weißen Fleck entdeckt, gründlich recherchiert und gut lesbar geschrieben. Sie lässt Felix Weil mit dieser ausführlichen Darstellung Gerechtigkeit widerfahren und erzählt zugleich ein spannendes Stück der Geschichte der Frankfurter Schule, nämlich die ökonomische Basis, auf der der theoretische Überbau erst gedeihen konnte.

Danuta Görnandt, kulturradio

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