Petra Morsbach: Justizpalast © Knaus Verlag
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Roman - Petra Morsbach: "Justizpalast"

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Akten, Anspruch, Alltag: ein kluger literarischer Juristenroman über eine Richterin

Die Schriftstellerin Petra Morsbach, geboren 1956 in Zürich, ist bekannt dafür, dass sie für ihre Romane ausführlich recherchiert. Für ihren "Opernroman" studierte sie das Leben hinter den Kulissen eines Opernhauses, für "Gottesdiener" beschäftigte sie sich mit dem Leben von Pfarrern in der Provinz. Für ihren neuen Roman "Justizpalast" vergrub sich die Autorin neun Jahre lang in juristischen Aktenstapeln. Im Nachwort dankt sie "etwa 50 Juristen, darunter über dreißig Richter verschiedener Instanzen", die bereit waren, mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen. Ihren Roman über die Richterin Thirza Zorniger hat sie ihnen gewidmet

Schnellkurs im juristischen Grundwissen

Man muss und darf Petra Morsbach mit ihren akribischen Recherchen und den großen Themen sehr ernst nehmen - aber eine bierernste Grundhaltung benötigt man beim Lesen nicht. Morsbach wird oft als sehr ernste Autorin wahrgenommen, ihre Ironie wird häufig überlesen. Diesem Eindruck hat sie selbstironisch in "Justizpalast" ein Denkmal gesetzt: Da nimmt die Richterin Zorniger an einer Stelle Bücher in die Hand, unter anderem von einer Autorin namens Petra Morsbach: "Morsbach – keine Ahnung, was daran komisch sein soll", liest man da.

Auch sonst trifft man im Roman auf zahlreiche ironische und selbstironische Passagen. "Wohl dem, der sich im Beruf verwirklichen kann!", heißt es, "ein Anspruch auf Liebe gehört nicht in den Grundrechtekatalog". Oder wenn Morsbach ihre Richterin sagen lässt: "Ich als Hauptfigur darf jetzt das Thema wechseln".

Im Laufe ihres Juristinnenlebens bekommt Thirza Zorniger zahlreiche Fälle auf den Schreibtisch, die Morsbach dokumentiert, zum Teil ausführlich, inklusive Paragraphen und dem entsprechenden Juristendeutsch, mit Wortungetümen wie "Altverfahren", "Unterhaltsschaden" oder "Schriftsatzfrist". Das Gegenteil von literarischer Sprache also. Dennoch hat Morsbach einen unterhaltsamen und literarischen Roman geschrieben, denn die juristischen Fälle sind eingebettet in die Lebensgeschichte der Richterin, die sich – gemeinsam mit dem Leser – mehr und mehr ins Justizsystem hineingräbt.

Am Ende des Romans hat man wie nebenbei einen Schnellkurs in juristischem Grundwissen absolviert und sich vor Augen geführt, wie fehlbar unsere Gesetze sind, menschengemachte Annäherungen an ein scheinbares Recht, und wie sehr die Diener des Grundgesetzes, all die Richterinnen und Richter, Anwältinnen und Anwälte, Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter, im Berufsalltag zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerrieben werden.

Anspruch und Wirklichkeit der Justiz

Oft muss Thirza Zorniger erleben, dass das Recht nicht für alle gleichermaßen gilt, wie in Orwells "Farm der Tiere" sind manche gleicher als andere. Richterin zu sein, bedeutet auch, in die Abgründe und Absurditäten menschlichen Handelns zu blicken: Da sind die Nachbarn, die erbittert über das Kürzen von Bäumen streiten; da ist die steinreiche Witwe, die verbissen um ein paar Tausend Euro kämpft. "Als Richterin hast du immer nur mit dem zu tun, was vorgestern schief gegangen ist", heißt es an einer Stelle, "glückliche Menschen ziehen nicht vor Gericht. Wir sind die Müllabfuhr von gestern."

Auch wenn der Justizpalast also kein Märchenschloss ist - im Privatleben genehmigt Petra Morsbach ihrer Richterin dagegen durchaus das große Glück. Nach einigen weniger harmonischen Liebes- und Beziehungsversuchen findet Thirza Zorniger ihre große Liebe, Max, ein Sachbearbeiter und Literaturliebhaber. Da erweist sich Morsbach als Autorin, die es wagt, die Liebe als Idylle zu beschreiben, als andauernde Romantik. Torpediert wird diese Liebe irgendwann keineswegs vom Alltag, sondern vom Schicksal, dem auch die Justiz nichts entgegensetzen kann.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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