Stefan Zweig: "Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Stefan Zweig: "Die Welt von gestern - Erinnerungen eines Europäers"

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Eher als eine Autobiografie ist dieses späte Werk Zweigs persönliche Version der Zeitgeschichte, angeschrieben gegen das sprachlose Entsetzen angesichts der Auslöschung seines Europa, seiner Welt.

Stefan Zweig schrieb seine Erinnerungen in den letzten Jahren seines Lebens: Er begann mit der Niederschrift in seinem englischen Emigrationsdomizil in Bath, setzte die Arbeit daran 1940 in New York fort und beendete sie Ende 1941 in Petrópolis, Braslien. Das Buch erschien 1942 bei Bermann-Fischer in Schweden, aber das hat Stefan Zweig nicht mehr erlebt: Im Februar 1942 nahm er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Lotte das Leben.

Lebendig und eindrucksvoll

Er konnte, mit 62 Jahren, keinen Boden mehr unter den Füßen finden. Er, der einstige Kosmopolit, schreibt,  er habe "heute unablässig das Gefühl, als müsste ich jetzt für jeden Atemzug Luft besonders danken, den ich einem fremden Volke wegtrinke".

Aus dem Geist des Verlusts früher Selbstverständlichkeiten ist auch das Erinnerungsbuch entstanden: Es ist besonders lebendig und eindrucksvoll, wo er das alte, kaiserliche Wien schildert und die Jahre seines eigenen Aufbruchs als künstlerisch ambitionierter, neugieriger junger Mann aus gutem Hause. Der konservativer Fortschrittsglaube des österreichischen Bürgertums, die vage Vorstellung, dass alles immer besser werden würde, noch besser als es eh' schon ist: das ist der Grundton dieser Zeit.

Nach dem ersten Krieg - vorsichtiger

Und dann kommt der erste Krieg, der Schock des Zivilisationsbruchs. Zweig wird zum Pazifisten und mit seinem Drama "Jeremias", das in der neutralen Schweiz aufgeführt wird, zum Vorkämpfer für den Frieden.

Doch danach werden Zweigs Erinnerungen flacher, allgemeiner, wohl auch vorsichtiger: Er wollte es sich mit niemandem verderben, nannte kaum noch Namen. Nicht einmal sein alter Freund Jospeh Roth kommt vor, der sich in den 1930er Jahren im Pariser Exil langsam zu Tode trank, von Zweig immer wieder vor dem endgültigen Absturz bewahrt. 

Nicht immer ganz faktengetreu

Er habe, klagt Zweig in seinem Buch immer wieder, seine früheren Aufzeichnungen nicht zur Hand, keine Briefe, Tagebücher, Notizen aus früheren Jahren. Das allerdings traf nur auf die letzten Jahre zu: In Amerika war er tatsächlich ganz auf sein Gedächtnis angewiesen und so formte er die Geschichten seines Lebens zu nicht immer ganz faktengetreuen Erzählungen. Der Herausgeber und Kommentator des Buches, Zweigs Biograf Oliver Matuschek, sorgt hier ausführlich und sorgfältig für Klarheit.

Eher als eine Autobiografie ist dieses späte Werk Zweigs persönliche Version der Zeitgeschichte, angeschrieben gegen das sprachlose Entsetzen angesichts der Auslöschung seines Europa, seiner Welt: als alle noch ohne Pass und Visa reisen konnten, wohin sie wollten.

Katharina Döbler, kulturradio

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