Vladimir Nabokov: "Briefe an Véra", Montage: rbb
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Sachbuch - Vladimir Nabokov: "Briefe an Véra"

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Will man das? Die Briefe eines Ehemannes lesen, die er im Verlauf von fünfzig Jahren unermüdlich und mit nie nachlassendem Enthusiasmus an seine Ehefrau geschrieben hat? Ja, unbedingt, wenn der Verfasser Vladimir Nabokov heißt.

"Briefe an Véra" heißt der 24. und letzte Band der deutschen Ausgabe der gesammelten Werke von Vladimir Nabokov, in dem wir mit Staunen und nicht ohne Rührung den Liebesbekundungen des Autors folgen, die dieser seiner Frau Véra per Brief macht. Und da es Nabokov ist, der schreibt, enthalten seine Briefe jede Menge scharfsinnige Beobachtungen, gibt er scharf umrissene Schilderungen seiner (Um-)Welt und zeichnet mit schnellem Strich seine Mitmenschen.

Dass diese Briefe aus einem halben Jahrhundert die "Gesammelten Werke" abschließen, leuchtet ein. Die Briefe, die sich zu einer Art Liebesroman formen, liefern auch – quasi unabsichtlich und wie nebenbei – eine Art Mini-Autobiografie und verweisen in feinen Andeutungen auf das Werk. Und wer dem nahe kommen will, der ist gut bedient mit der sorgfältig edierten, von dem nicht hoch genug zu lobenden Herausgeber Dieter E. Zimmer betreuten Ausgabe, die, wenn man so will, in grauer Vorzeit begonnen wurde: im Jahre 1989.

Es bedurfte sicher auch von Seiten des Rowohlt Verlags eines langen Atems, um die aufwendig gestalteten Bücher herauszubringen. Denn Nabokovs Bücher sind mit einer Ausnahme ("Lolita ist berühmt, nicht ich") keine wirklichen Verkaufsschlager. Also: auch deshalb ein Tusch, dass nach knapp 30 Jahren die Ausgabe geschlossen vorliegt.

Die "Briefe an Véra" setzen 1923 ein, da lebt der 24-jährige Nabokov im chaotischen, von der Inflation geschüttelten Berlin und hat schon ein bewegtes Leben hinter sich. Seine der reichen russischen Oberschicht angehörige Familie ist 1917 vor den Bolschewiki geflohen. Sein Vater, der in Berlin eine liberale russische Tageszeitung herausgibt, wird 1922 von russischen Rechtsextremisten erschossen. Vladimir beendet wenig später sein Studium in Cambridge und kehrt nach Berlin zurück.

Die Stadt, in der sich zu jener Zeit Hunderttausende russische Emigranten aufhalten und in der er im Bezirk Charlottenburg ("Charlottengrad") bis 1937 leben wird, bleibt ihm fremd. Die groben Umgangsformen der Deutschen stoßen ihn ab, wie man in seinen frühen Romanen und Erzählungen mit ihren sarkastischen Schilderungen nachlesen kann ("eine Stadt der Unglücke und Fehlschläge").

Nabokov ist in dieser fünfzehn Jahre dauernden Lebensphase ein russischer Autor im "russischen" Berlin und veröffentlicht unter dem Pseudonym Sirin in russischen Zeitungen und Verlagen. In seinen Briefen an Véra, die ihre eigenen Briefe leider vernichtet hat, lernen wir einen nonchalant durchs westliche Berlin flanierenden Mann kennen, der trotz Geldmangels und prekärer Wohnverhältnisse ein freier Mann ist, der der Wirklichkeit mit erstaunlicher Unbefangenheit entgegentritt und sie wie ein neugieriger Leser zu entziffern sucht.

Wenn Véra auf Reisen ist, schreibt er ihr täglich einen Brief – bekundet seine Liebe und äußert dezent immer wieder seine Enttäuschung, dass sie so selten antwortet. Doch das schwächt seine Liebe nicht, "denn Du bist der einzige Mensch, mit dem ich reden kann – über den Schatten einer Wolke, über das Lied eines Gedankens – und darüber, dass heute, als ich zur Arbeit hinausging und einer hochgewachsenen Sonnenblume ins Gesicht sah, diese mich mit all ihren Samen anlächelte."

Auch in seinen Briefen bleibt Nabokov der form- und stilbewusste Autor ("um ein einziges Epitheton zu finden, bin ich bereit, die chinesische Folter zu erdulden"), was seinen Alltagsschilderungen sehr zugute kommt. Das Berlin der 20er- und 30er-Jahre ist für Nabobov ein großer Freiraum, in dem er sich lustvoll bewegt. In seinen Briefen erzählt er der fernen Véra, wie er im Sommer durch den Grunewald streift, in Seen schwimmt und sich anschließend stundenlang in der Sonne aalt.

Am Nachmittag spielt er beinahe täglich stundenlang Tennis, abends besucht er russische Freunde. Er betreut einen Schüler aus einer russischen Familie, den er aber wohl hauptsächlich an seinen Freizeitaktivitäten teilnehmen lässt. Irgendwann fragt man sich: Wann hat dieser überaus produktive Autor eigentlich geschrieben?

Diese schöne Freiheit geht in den 30ern peu à peu verloren. Nabokov versucht in Frankreich und Belgien, in England Fuß zu fassen, denn – auch wenn er auf politische Entwicklungen erstaunlicherweise nie eingeht – erkennt er wohl die Gefahr, die ihm und seiner Familie in Nazi-Deutschland droht. Und es ist beeindruckend, wie schnell der Autor Sirin im europäischen Literaturbetrieb Erfolg hat.

Für drei Jahre hält sich Nabokov in Frankreich auf, dann gelingt ihm mit Véra und dem kleinen, 1934 geborenen Sohn Dmitri die Überfahrt in die USA. Hier schlägt er sich mit Vorträgen an Colleges durch, die er sehr ernst nimmt (und  die in einem seiner schönsten Romane, Pnin, aufscheinen). Und schnell bringt er es zum Autor des New Yorker. Die Briefe verlieren jetzt ein bisschen an Farbe und Feuer, doch noch immer blitzen originelle Sätze hervor: "Kunst, die den Namen verdient, verlangt Originalität, Erfindungsgeist, Genauigkeit, Harmonie, Komplexität und wunderbare Unehrlichkeit."

Keine schlechte Devise, um sich den "Gesammelten Werken" Vladimir Nabokov zuzuwenden, wozu die "Briefe an Véra", an "meine weite, sonnige, vom Kiefernduft durchdrungene Liebe", nachhaltig ermuntern.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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