Gabriele Krone-Schmalz: Eiszeit
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Sachbuch - Gabriele Krone-Schmalz: "Eiszeit"

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Die USA und EU betrachten Russlands derzeitige Politik als expansiv, Eindämmung durch Abschreckung gilt als Gegenmittel. Kritiker werden oft als "Russlandversteher" herabgewürdigt, auch Gabriele Krone Schmalz. Warum sind die Fronten so verhärtet?

Weil viele im Westen ideologisch denken, schreibt Gabriele Krone Schmalz, und weil nach deren Ansicht im Westen die Guten und in Russland die Bösen, Expansiven sitzen. Wer dieser ideologischen Sichtweise, der Westen verbreite nichts als Demokratie und Freiheit, widerspräche, werde hämisch "Russlandversteher" genannt und der sogenannten "Schützenhilfe" für Putin bezichtigt. Die Autorin schreibt, früher im kalten Krieg habe es Kreml-Astrologen gegeben, die über die Absichten der Sowjetunion spekulierten. Heute würde über die Absichten Putins und Russlands genauso spekuliert. Und die schlimmsten, reißerischsten Prognosen fänden den meisten medialen Zuspruch. Für eine Gesellschaft wie die unsere, die sich demokratisch nenne, sei es angeraten, offener über die Politik gegenüber Russland zu debattieren, jedoch sei die Grundstimmung bei uns im Westen bereits vergiftet. Das seien die Gründe für dieses Buch.

Nun ist die Annexion der Krim ja Realität und die Unterstützung für die ukrainischen Separatisten in der Ost-Ukraine wohl auch. Will das Gabriele Krone Schmalz etwa rechtfertigen?

Rammpfosten des Westens

Nein. Sie bestreitet den völkerrechtswidrigen Charakter der Annexion der Krim nicht. Und auch nicht die Folgerichtigkeit von Reaktionen des Westens darauf. Aber dann, schreibt sie,  müsse man bitte auch die vielfältigen Faktoren dahinter und davor mit in Betracht ziehen, etwa die russische Geschichte der Krim wie auch die geschichtlich engsten Bindungen zwischen der Ostukraine und Russland etwa. Nicht wenige der bekanntesten russischen Schriftsteller stammen aus der Ukraine. Die Ukraine sei also für Russland ein historisch äußerst sensibler Gegenstand, schreibt die Autorin.  Dazu sei auch ein Blick auf die Landkarte hilfreich.

Territorial rage die Ukraine wie ein Rammpfosten des Westens ins russische Territorium hinein. Gabriele Krone Schmalz fragt also nach dem grundsätzlichen Charakter des russischen militärischen Verhaltens, ob es wirklich expansiv-aggressiv sei oder eben defensiv eigene Interessen verteidigend, aus Angst vor westlicher, eigentlich aber amerikanischer Umzingelung.

Die Autorin benennt nicht wenige US-Nato-Generäle, die Russland als die größte Bedrohung Amerikas bezeichnen, und zeigt, wie die Nato Georgien und auch der Ukraine immer wieder Hoffnung auf Mitgliedschaft macht, das sei keineswegs vom Tisch. Und hier ist wieder ein Blick auf die Landkarte hilfreich, um die russischen Befürchtungen zu verstehen.

Man erkennt leicht: Es ist eine Umringung Russlands.  Wenn an der US-Grenze in Südkanada und in Nordmexiko chinesische Truppen stünden und Militärbasen einrichteten, wäre auch verstehbar, wenn sich die USA umzingelt fühlten und Gegenmaßnahmen ergriffen.  Die Autorin schreibt, beim uns im Westen bestünde nun die Neigung, stets nur einen Teil einer Geschichte zu schreiben, und das wegzulassen, was das Bild vom friedlichen Westen und aggressiven Russland störe.

Europe first

Im Kapitel "Wer bedroht wen?" hält es Gabriele Krohn-Schmalz für möglich, dass "der Westen" das eine sagt und das andere tut.

Hier gibt es viele gut recherchierte Informationen im Buch. Zuerst vielleicht die Grundaussage: Nicht die Nato ist infolge des Umbruchs 1989/90 zurückgewichen, sondern Russland musste seine Interessensphäre 2000 km nach Osten zurückverlegen. Die Nato sei nachgerückt, schreibt die Autorin. Der Rüstungsetat der USA allein läge bei über 600 Milliarden pro Jahr, der Russlands bei 55 Milliarden, entsprechend seien die militärischen Fähigkeiten. Die baltischen Staaten etwa anzugreifen, was selbige ja befürchten, wäre also für Russland ein Kamikaze-Unternehmen, und Putin, schreibt Krone Schmalz, wüsste das natürlich.

Russland sei nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Restgroßmacht, territorial verstümmelt, politisch durch den Zusammenbruch des Kommunismus gedemütigt, aber nicht vernichtet, und richte sich allmählich national wieder auf, und es sei nun die Frage, ob wir Europäer, natürlich auf unsere Sicherheit achtend, zu beiderseitigem Nutzen etwa unser Gas weiter aus Sibirien beziehen oder uns auf militärische Zuspitzungen, die die USA forcierten, einließen. Und hier sagt Krone Schmalz klar: Europe first.

Das letzte Kapitel im Buch heißt "selber denken", da liest man unter anderem: Jeder glaubt das von sich, aber unser aller Denken werde geprägt und beeinflusst. Wenn Denken in Zusammenhängen denunziert werde als Glauben an Verschwörungstheorien, würde niemand neben dem Mainstream stehen wollen. Eins jedenfalls schreibt Gabriele Krone Schmalz auch, und das ist wohl gültig, gerade aufgrund der deutschen Geschichte: Es geht nicht um mehr Konfrontation, sondern um weniger Konfrontation mit Russland, und das sollte man sehr ernst nehmen.

Salli Sallmann, kulturradio

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