Andrej Platonow: Die Baugrube
Bild: Suhrkamp; Montage: rbb

Zum Wiederlesen empfohlen - Andrej Platonow: "Die Baugrube"

Andrej Platonows Roman ist ein Schlüsselwerk der russischen Literatur. Auf der Grundlage der im Jahr 2000 in Sankt Petersburg erschienenen, erstmals edierten gültigen Originalausgabe hat Gabriele Leupold das Buch neu übersetzt.

Andrej Platonow, geboren 1899 in Woronesch und studierter Bewässerungsingenieur, schrieb im Sommer 1930 einen der ganz großen russischen Romane des 20. Jahrhunderts. Manche, wie der Dichter Joseph Brodsky, meinen, es sei der größte überhaupt: "Die Baugrube". Der Titel klingt nach einem typischen 'Roman aus der Produktion', in der der Aufbau des Sozialismus schönfärberisch und heldenhaft geschildert wird: im Stil also dessen, was später als sozialistischer Realismus gefordert  wurde.

Aber Platonows "Baugrube" schildert keinen Aufbau, sondern einen Abbau, ein Desaster, dem alle zum Opfer fallen, Klassenfeinde wie Arbeiter, Ingenieure und Bauern.

Das Buch entstand zur Zeit des ersten sowjetischen Fünfjahresplans, als Stalin die Industrialisierung der Sowjetunion mit allen Mitteln  durchsetzen wollte und auch durchsetzte - und parallel dazu die Kollektivierung der Landwirtschaft gegen erbitterten Widerstand der Bauern.

Davon genau handelt Platonows Roman: Am Rande einer Stadt  soll ein großartiges Haus entstehen, Heim für die Bewohner des kommunistischen Paradieses der Zukunft. Im Lauf eines finsteren Herbstes und Winters wird das Projekt, das in der Planung immer größer wird, zu einem Massengrab, in dem alles endet: Zukunft, Ideale, Menschen.

Unglaubliche Sprache

Der Held der Geschichte, Woschtschew, ist ein verlorener, energieloser Grübler; und auch alle anderen Gestalten sind zu beschädigt, zu beschränkt, zu gemein, um als Bewohner eines Paradieses vorstellbar zu sein. Vor allem Nastja, das Waisenkind, das die Arbeiter neben seiner sterbenden "bourgoisen" Mutter aufgelesen haben, wirft mit mörderischen Parolen nur so um sich. Die Baugrube wird schließlich auch ihr Grab. Soviel zum "neuen Menschen", wie Stalin ihn sich vorstellte.

Das Faszinierende an diesem Buch ist allerdings nicht seine auswegslose Dunkelheit, sondern seine unglaubliche Sprache: Der Jargon der sowjetischen "Paradiesschaufler" (wie  Joseph Brodsky sie nannte) mit seinen Floskeln und abstrusen Abkürzungen mischt sich mit den schlichten Reden der Bauern und Proletarier zu einer unkorrekten Literatursprache, in der Wörter falsch zusammengesetzt und semantisch entwurzelt werden.

Schon im ersten Absatz heißt es von Woschtschew, " ...er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit". Eine Kündigung wegen Faulheit also. Aber hier wird nicht einfach erzählt, hier wird ein allgemein instabiler Zustand in Sprache nachgebildet  - so dass alle Aussagen durch Bedeutungsverschiebungen unterlaufen werden.

Platonows subversives Russisch hat Gabriele Leupold in ein wunderbar wahnsinniges Deutsch übertragen, in dem Informationen und Aussagen durch ständige  Bedeutungsverschiebungen unterlaufen werden. "Die Baugrube", ist ein Buch, das einen beim Lesen Satz für Satz beschäftigt.

Dass es unter Stalin nicht erscheinen konnte, hat nie jemanden gewundert. Erstaunlich ist eher, dass Platonow den Lagern entging und 1951, kurz vor Stalin selbst, jung, aber eines natürlichen Todes starb.

Katharina Döbler, kulturradio

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